Starke Frauen sind beliebte Romanfiguren. Doch sehe ich immer wieder, dass sowohl Autorinnen als auch Autoren an ihnen scheitern. Hier geht es nicht darum, ob eine starke Frau in den Roman gehört oder inwiefern Frauen in einem Roman stark sein müssen. Hier geht es einzig und allein darum:
Wenn du eine starke Frau hast,
willst du, dass sie überzeugt.
Wenn deine Figur gar nicht stark sein soll, dann kannst du hier getrost aufhören zu lesen. Wenn doch, lass uns mit dem folgenden konstruierten Satz beginnen:
Sie ist so beliebt, weil sie immer so stark ist und immer sagt, was sie denkt.
Vielleicht klingt das für dich nach einer besonders positiven Beschreibung einer starken Person. Vielleicht geht es dir aber wie mir:
Mich packt das kalte Grauen.
Warum? Ich versuche, dem auf den Grund zu gehen.
Stark und nett
Unter einer starken Frau stellen sich offenbar viele eine Frau vor, die jedem Menschen ein Übermaß an Empathie entgegenbringt, von allen geliebt wird und nebenbei die Männer in jeder Hinsicht übertrumpft. Nur:
Es allen recht zu machen
ist ein Problem für eine starke Figur.
Der Plan, Bridget Jones mit Rambo zu kombinieren, kann einfach nicht gelingen. Außer der Roman handelt von Persönlichkeitsspaltung.
So verhält es sich auch mit der Meinung. Eine Haltung zu haben und offen dazu zu stehen, ist eine Stärke. Sie immer auszusprechen nicht unbedingt. Eine Figur sollte ihre Meinung sagen, weil es ihrer Natur entspricht, und nicht, um stark zu sein.
Starke Menschen können nicht bei allen beliebt sein. Dadurch, dass sie ihr Umfeld beeinflussen, machen sie sich viele Feinde. Es ist ihre Stärke, das auszuhalten und auf ihre individuelle Art damit umzugehen.
Stark und geliebt
Besonders kritisch sehe ich folgende Aussage:
Er: „Sie ist so stark – ich liebe sie.“
Zuneigung an Stärke zu koppeln
ist grausam.
Dass Zuneigung durch Stärke verdient werden muss, ist ein gnadenloser Erwartungsdruck. Was geschieht mit ihr, wenn sie nicht mehr stark sein kann oder will? Es ist auch ungerecht den stillen und schüchternen Gemütern gegenüber. Diese sind im Umkehrschluss nicht so liebenswert.
Kurz: es eignet sich wunderbar als Konflikt.
Starkgeredet werden
Ein Muster, das mir oft begegnet, sind Frauen, die nicht wirklich stark sind, aber andauernd starkgeredet werden. Nebenfiguren sagen: sie ist so stark. Die Erzählstimme sagt: sie ist so stark. Das müsste eigentlich nicht gesagt werden, sondern gezeigt – dort aber beginnt der Putz zu bröckeln.
Was gezeigt wird, ist eine Figur, die
- immer lächelt,
- nie jemandem widerspricht,
- meistens andere entscheiden lässt,
- sich für alles entschuldigt
- oder rechtfertigt,
- schlecht mit Rückschlägen oder Niederlagen umgeht
- oder über Schwächere triumphiert.
Das sind alles geeignete Eigenschaften, um Konflikte aufzubauen. So ist es aber nicht gemeint. Ich sollte die Figur sympathisch finden, während ihre dafür vermeintlich notwendigen Schwächen starkgeredet werden.
Ein Beispiel einer starkgeredeten Figur sieht man in der aktuellen Netflix-Serie „NOS4A2“. Achtung Spoiler. Am Ende der ersten Staffel verletzt die Hauptfigur Victoria, die soweit überzeugt, mit einer verzweifelten Tat den Bösewicht und tötet versehentlich einen Freund. Lou hat das beobachtet und sagt: „Du bist so eine Art Superheldin.“ Erstens ist es nicht nachvollziehbar, bei dem, was er gesehen haben könnte. Zweitens untergräbt es die Tragik ihres Verlusts und ihre moralische Krise.
In der zweiten Staffel geht es in diesem Ton weiter. Superheldin, was immer du willst, du bestimmst etc. Sogar eine Figur, die überzeugt, wird durch das Starkreden geschwächt.
Triumph
Wir lieben es, wenn sich starke Frauen mit selbstgefälligen Männern anlegen. Das folgende Beispiel strotzt vor Klischees, aber das ist im Moment gar nicht der Punkt.
Er: „Du wagst es, dich mit mir anzulegen, blöde Kuh? Ich mach Hackfleisch aus dir!“ Schlägt mit der Faust zu.
Sie: Weicht aus und tritt ihm in die Seite.
Er: Wankt, flucht und greift erneut an.
Sie: Springt und tritt ihm aus der Luft ins Gesicht.
Er: Kippt blutend zu Boden.
Sie: Stürzt sich auf ihn und tritt ihm so lange auf den Kopf, bis er reglos liegenbleibt.
Im letzten Satz verliert sie. Man kann bei Gewaltanwendung unterschiedlich empfindlich sein, aber ich respektiere prügelnde Frauen so wenig wie prügelnde Männer. Sobald er blutend am Boden liegt, ist das Herumtrampeln auf seinem Kopf nicht mehr ehrenvoll. Auch nicht, wenn er ein Kotzbrocken ist.
Was stattdessen funktioniert:
- Die Siegerin zeigt Größe und wendet keine unnötige Gewalt an. Der Gegner demütigt sich selbst durch seine Überheblichkeit.
- Es ist nicht die Absicht, die Szene als glorreichen Sieg darzustellen. Es soll zeigen, dass sie ein Aggressionsproblem hat.
Das Prinzip lässt sich auf jede Sorte Wettkampf anwenden.
Im Kampf zählt nicht Sieg oder Niederlage,
sondern Größe.
Es macht deine Figur nicht automatisch stark, weil sie körperlich überlegen ist. Es zählt einzig und allein, wie sie gewinnt oder wie sie verliert.
Stärken und Schwächen
Es gibt so viele Arten, stark zu sein, dass ich eigentlich keine Liste machen wollte. Als Inspiration habe ich trotzdem eine Gegenüberstellung gemacht, wie Stärken und Schwächen zusammenspielen. Es ist nur eine kleine Auswahl von Beispielen.
- Rückgrat zu zeigen, selbst wenn es Nachteile hat, ist zwar authentisch, aber auch unvernünftig.
- Mut oder Tapferkeit können nur verletzliche oder ängstliche Figuren haben.
- Führungsstärke überzeugt noch mehr bei körperlicher oder fachlicher Unterlegenheit.
- Ehrlichkeit ist eigentlich nur relevant, wenn man etwas zu verbergen hat.
Suche deiner Figur vorerst eine einzige Stärke aus, die für die Geschichte relevant ist. Das muss nicht bei dieser einen Stärke bleiben, aber es ist ein Anfang, um eine vielschichtige Figur zu entwickeln. Überleg dir dann, welche Schwäche der Figur im Weg steht, um ihre Ziele zu erreichen. Siehe dazu auch: Eine spannende Geschichte richtig aufbauen.
Fazit
Du willst eine interessante, glaubwürdige, starke, weibliche oder auch nicht-weibliche Figur entwerfen.
- Nimm deine Figur ernst. Versetz dich in ihre Lage.
- Lass sie immer menschlich reagieren und sich selbst bleiben.
- Gib ihr Charaktermerkmale und nicht nur Stärken mit.
- Versuche nicht verbissen, eine starke Figur zu schreiben.
- Versuche nicht verbissen, eine sympathische Figur zu schreiben.

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