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  • Was die KI nicht kann

    Was die KI nicht kann

    Hat uns die KI schon bald überflügelt? Ist sie in wenigen Jahren intelligenter und gebildeter als wir? Und was noch schlimmer ist:

    Ist die KI kreativ?

    Kann sie sich neue Geschichten ausdenken? Natürlich adaptiert sie dabei einfach Werke von menschlichen Schriftstellern und kombiniert sie mit Wissen aus aller Welt. Aber tun wir das nicht alle irgendwie?

    Ich befasse mich nicht mit der theoretischen Kreativitätsfrage. Um sie zu beantworten, müssten wir zuerst verstehen, was Kreativität überhaupt ist. Doch:

    Eigentlich ist es die falsche Frage.

    Wir wollen viel eher wissen, wo unsere eigenen Stärken sind und wie wir uns von der KI abheben.

    Eine taube Blinde

    Stell dir vor, eine Frau liegt im Bett, schon das ganze Leben lang. Sie ist außerdem blind und taub. Dank Braille kann sie lesen und ihr Leben besteht hauptsächlich daraus, tausende von Büchern zu lesen.

    Sie hat nie Musik gehört und keine Lieder gesungen. Nie mit dem Fuß in ein nasses Erdloch getreten oder sich den Zeh am Badezimmerschrank gestoßen. Niemand hat ihr ein Bilderbuch vorgelesen und sie hat nie mit dem Buntstift die Seiten verunstaltet. Sie wurde noch nie vor der Klasse bloßgestellt oder von der besten Freundin angelogen.

    Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Frau eine überragende Autorin wird?

    Du hast es schon lange begriffen. Die KI hat nichts erlebt. Ein Mensch erlebt selbst in einem Zimmer die Welt durch Tasten und Kontakte zu anderen Menschen und hat eigene Empfindungen. Die KI kann so viele Bücher lesen und so kreativ sein, wie sie will: sie wird nie wissen, wie es sich anfühlt und darum auch nicht, was das alles wirklich bedeutet. Schreiben ist keine Frage von Sprachstil, Grammatik oder Rhetorik.

    Schreiben heißt, Erfahrungen zu teilen.

    Auch wenn es sich dabei um fiktionale und unterhaltende Texte handelt.

    Ein kleiner Test

    Ich mache einen einfachen Test. Hier ein paar selbstgeschriebene Sätze aus einer Kurzgeschichte, an der ich gerade arbeite:

    Wenig später kauere ich mit Eimer und Putzlappen bewaffnet in einem Colasee. Er breitet sich unter dem Gestell aus und verbündet sich dort mit dem jahrzehntealten Staub. Während ich mit verklebten Fingern den Lappen auswringe, öffnet sich die Ladentür nochmals.

    Die blinde KI hat noch nie unter ein Gestell im Laden geschaut und hat noch nie Cola an den Fingern gehabt, aber sie hat darüber gelesen. Mal sehen, was sie zustandebringt. Ich weise ChatGPT (aktuell bei Version 5.2) an, mit drei kurzen Sätzen eine Person zu beschreiben, die im leeren Laden Cola wischt, während sich die Tür öffnet. Einen ‚Tick schäbig‘ soll es sein. Ich erhalte folgendes:

    Sie kniet im leeren Laden und schrubbt mit einem schmutzigen Lappen die klebrige Cola vom Boden. Der süße Gestank hängt in der Luft, ihre Hände sind nass, der Blick leer. Die Tür geht auf, und sie wischt weiter, als wäre es ihr egal.

    Was hältst du davon? Schreib doch deine Gedanken zu diesem KI-generierten Text unten in die Kommentare. Hier sind meine.

    Auffällig: Cola muss nicht geschrubbt werden. Beim Aufwischen empfinde ich Cola auch nicht als klebrig, an den Fingern hingegen schon.

    Die KI weiß, dass Cola süß ist. ‚Süßer Gestank‘ als bewusster Gegensatz ist beinahe raffiniert, klingt aber zu grob. Dass dieser Gestank in der Luft hängt, find ich übertrieben. In einer Colafabrik vielleicht.

    Mit ‚die Hände sind nass, der Blick leer‘ hat die KI Details hinzugefügt. In einem größeren Zusammenhang sollten diese nicht willkürlich sein. In diesem Beispiel fehlt der Rest der Szene, aber erfahrungsgemäß ist sie darin überhaupt nicht treffsicher.

    Mir fällt auf, dass weder Hände noch Blick noch Tür irgendwie miteinander verbunden sind. Nicht als Ablauf, nicht als sprachliche oder klangliche Spielerei, nicht sonst wie. Es könnte als stoisches Stakkato durchgehen, es hat eine kleine Beschleunigung, ist mir dafür aber zu ausschweifend. Für mich klingt es dahingesagt.

    Was bedeutet das für uns?

    Was können wir daraus lernen? Konzentrieren wir uns auf das, was wir am besten können.

    Schöpfen wir Inspiration aus unserer Lebenserfahrung.

    Versetzen wir uns in die Figuren, fühlen wie sie und erleben wie sie. Durch ihre Augen schauen wir uns in unserer selbsterschaffenen Welt um. Welche Details entdecken wir und was lösen sie in uns aus? Dann erst versuchen wir, das in Worten auszudrücken.

    Die KI kann das nicht. Sie kann nur die Beschreibungen, die wir daraus erschaffen haben, neu zusammensetzen. Ihre Informationen kommen bestenfalls aus zweiter Hand.

  • Erzählen in der Gegenwart

    Erzählen in der Gegenwart

    Die Gegenwartsform ist in der Literatur Mode geworden, tatsächlich aber enorm schwer zu beherrschen. Sehr oft lese ich Sätze wie diesen:

    Als er aufblickt, grinst er.

    Autsch. Das Wort ‚als‘ ist im Präsens als Konjunktion so nicht zulässig, darum tut dieser Satz weh. Beim Lesen von Manuskripten in der Gegenwartform ist mir aufgefallen, dass im Kopf der Schreibenden offenbar das erzählerische Präteritum herumgegeistert und eins zu eins ins Präsens übersetzt wird. Man könnte den Satz auf verschiedene Arten reparieren, zum Beispiel mit ‚wenn‘ oder ‚während‘. Mein Vorschlag aber ist:

    Er blickt auf und grinst.

    Das kleine, unscheinbare, aber häufige Wort ‚als‘ bringt mich zur Erkenntnis, wie tief die Zeitform in die Ausdrucksweise eines Textes eingreift.

    Die Zeitform ist keine Schriftart,
    die man über den Text legt.

    In der Schule lernen wir, Texte in andere Zeitformen zu übersetzen. Das mag in einer Grammatikübung funktionieren, aber in literarischen Texten tut es das nicht. Das Präsens funktioniert anders und Erzählen im Präsens verlangt eine andere Sichtweise auf die Geschehnisse. Wir wollen damit ja eine Wirkung erzielen.

    Die Wirkung erzielen wir nicht
    durch die grammatikalische Form,
    sondern durch die andere Art zu erzählen.

    Ich gebe zu, ich begebe mich hier auf unsicheres Terrain. Die Grammatik hinter den Zeitformen wird tausendfach erklärt, über die Konsequenzen für eine Erzählung kann ich jedoch nichts finden und bin ganz auf meine eigene Einschätzung angewiesen.

    Die Gegenwart ist ein Zeitpunkt

    Das Erzählen im Präteritum ist immer ein Rückblick, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Du bekommst darum eine bessere Übersicht über die Abfolge der Ereignisse und die Freiheit, in anderer Reihenfolge zu berichten und die ursprüngliche Reihenfolge nur anzudeuten. Das Wort ‚als‘ ist der Beweis dafür, dass ungenaue zeitliche Zusammenhänge völlig ausreichen.

    Die Gegenwart ist hingegen ein Zeitpunkt mit einer Dauer von null Sekunden. Erzählen im Präsens heißt, sich auf diesen Zeitpunkt zu beziehen, das erlaubt dir nicht die geringste Beweglichkeit. Es geht nicht darum, dass ein Ereignis irgendwann stattfindet, vielleicht vor, während oder nach einem anderen Ereignis. Es findet gerade jetzt statt, in dem Augenblick, in dem du das erzählst. Tust du das nicht, fliegt das Ereignis unerzählt vorbei. Du musst ins nachträgliche Berichten wechseln und verlierst dabei die Wirkung des Präsens.

    Wenn du im Präsens erzählst, versetzt du dich in die Figuren und musst in präziser Abfolge berichten, was sie gerade erleben und tun. Du musst dir angewöhnen, in Echtzeit zu berichten.

    Nachdem

    ‚Nachdem‘ ist eine Konjunktion wie ‚als‘, bezeichnet aber die genaue Reihenfolge und ist daher in der Gegenwart möglich.

    Präteritum: Er schritt aus der Tür, nachdem er einen letzten Blick auf Karl geworfen hatte.

    Präsens: Er schreitet aus der Tür, nachdem er einen letzten Blick auf Karl geworfen hat.

    Hier tue ich genau das, was ich eingangs kritisiert habe: ich übersetze aus dem Präteritum ins Präsens. Diesmal ist das Ergebnis korrekt, aber deshalb noch lange nicht sinnvoll. Wozu erzähle ich im Präsens, wenn ich die Reihenfolge durcheinanderbringe und damit die Direktheit dieser Zeitform zunichtemache?

    Er wirft einen letzten Blick auf Karl und schreitet aus der Tür.

    Alles geschieht während der Erzählung.

    Bevor

    Die Konjunktion ‚bevor‘ halte ich für höchst kritisch.

    Bevor er aus der Tür schreitet, wirft er einen letzten Blick auf Karl.

    Ohne hellseherische Fähigkeiten kann ich ‚bevor‘ so nicht verwenden. Woher soll ich wissen, dass er als Nächstes aus der Tür schreiten wird? Die Gegenwart ist ein Zeitpunkt und kennt keine Gnade.

    Bevor er aus der Tür schreitet, hat er einen letzten Blick auf Karl geworfen.

    Damit brauche ich keine Kristallkugel mehr, weil er jetzt schreitet und das Blickwerfen bereits Vergangenheit ist. Genau wie im Beispiel mit ’nachdem‘ bin ich schon wieder ins Perfekt gefallen.

    Wird das nicht sehr anstrengend?

    Kurz gesagt: doch. Die Gegenwartsform bleibt ständig unmittelbar und erlaubt nicht so leicht zeitliche Abschweifungen. Außerdem kann die Erzählung in eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen ausarten, wodurch es an Vielfalt der Satzstellung mangeln könnte. Dem kannst du entgegenwirken, das braucht aber Erfahrung und einen sicheren Umgang mit dieser Erzählform.

    Wann erzähle ich im Präsens?

    • Wenn du dir sicher bist, dass deine Geschichte in der starren Gegenwart besser zum Ausdruck kommt.
    • Wenn ‚meine Lieblingsautorin benutzt auch die Gegenwart‘ nicht dein einziger Grund ist.
    • Wenn es nicht dein erster Roman ist.

    Oder noch einfacher ausgedrückt:

    Beim winzigsten Zweifel,
    verwende Präteritum.

  • Manuskripte professionell formatieren ohne Aufwand

    Manuskripte professionell formatieren ohne Aufwand

    Wenn du schreibst, produzierst du Text. Es ist eine rein sprachliche Angelegenheit und nicht auf Gestaltungselemente angewiesen. Trotzdem bleibt es dir nicht erspart, dich damit auseinanderzusetzen und vielleicht fühlst du dich auch versucht, eine besonders ansprechende oder originelle Gestaltung zu erzeugen. Aber:

    Schreiben ist nicht Gestalten.

    Die Gestaltung des fertigen Manuskripts kommt später und ist eine Kunstform für sich. Trotzdem brauchst du eine Formatierung. Erstens brauchst du ein Gefühl, wie dein Text aussieht, wie viele Zeilen ein Satz hat oder wie viele Seiten ein Kapitel. Zweitens willst du dein Manuskript an Verlage oder Testleser geben, und dann muss es professionell aussehen.

    Du brauchst eine provisorische Gestaltung,
    die einheitlich ist
    und dem typischen Buchsatz nahekommt.

    Außerdem willst du dafür nicht Stunden oder Tage verbringen.

    Word als Schreibprogramm

    Ich benutze Word von Microsoft quasi täglich, seit es auf dem 486er meiner Mutter unter Windows 3.11 installiert war. Erstaunlicherweise ist dieses Programm im literarischen Bereich beliebt. Man kann durchaus damit Bücher schreiben, sofern man eine wichtige Regel einhält:

    Die allermeisten Funktionen von Word sind dazu da,
    nicht benutzt zu werden.

    Im Folgenden sage ich dir, welche Funktionen du brauchst.

    Ich beziehe mich in diesem Artikel oft auf Word, weil es sehr verbreitet ist. Alles, was ich sage, ist auch für andere Schreibprogramme anwendbar.

    Schriftgröße und andere Einstellungen

    Es gibt genau eine einzige Schrifteinstellung, die du jemals benutzt: Kursivschrift. Auch diese verwendest du selten und gezielt und einheitlich, das ist aber ein Thema für einen eigenen Post.

    Niemals.
    Niemals.
    Niemals markierst du Text
    und gibst ihm Eigenschaften
    (außer Kursivschrift).

    Unter diese Regel laufen

    • Schriftart,
    • Schriftgröße,
    • Unterstreichung, Fettdruck,
    • Farben,
    • Abstände (mehr dazu weiter unten),
    • Einstellungen auf dem ‚Lineal‘
    • und was weiß ich, was es noch alles gibt.

    Das gilt für literarische Texte, bei Fachbüchern sieht es zuweilen anders aus. Damit befasse ich mich hier aber nicht.

    Eine weitere Ausnahme sind hoch- und tiefgestellte Zeichen. Wenn du solche brauchst, brauchst du sie eben.

    Was ist mit Überschriften? Dazu komme ich später.

    Aber in meinem Roman ist spezielle Formatierung besonders wichtig …

    Vielleicht schreibst du etwas Ähnliches wie ‚Die Unendliche Geschichte‘, die zwei Schriftfarben verwendet, um die Geschichte in der Geschichte von der Geschichte zu unterscheiden. Vielleicht schreibst du etwas Ähnliches wie ‚Die Bücherdiebin‘, in der es verschnörkelte Absätze gibt.

    Höchst wahrscheinlich ist das nicht der Fall. Falls du doch der Meinung bist, dass dein Roman nur mit besonderer Gestaltung funktioniert, wirst du sowohl dir selbst als auch dem Verlag erhebliche technische Probleme bescheren. Wenn du dir das antun willst, verwende wenigstens Formatvorlagen. Auch hier gilt die Niemals-niemals-niemals-Regel.

    Überschriften

    Für Überschriften verwendest du die Formatvorlage ‚Überschrift 1‘. Wenn du noch nie von einer Formatvorlage gehört hast, macht das nichts, ich komme noch dazu. Zuerst wollen wir wissen, was sie uns nützen.

    Mit der Formatvorlage sagst du dem Schreibprogramm: „Das ist eine Überschrift.“ Wie eine Überschrift aussieht, steht in der Formatvorlage drin. Im Moment kümmert dich das nicht. Weil du das jederzeit ändern kannst, hat das keine Eile.

    Du kannst zum Beispiel einstellen, dass jede Überschrift auf eine neue Seite kommt (oder nicht). Außerdem ist das Schreibprogramm meistens schlauer bei Seitenumbrüchen und lässt keine Überschrift allein am unteren Rand stehen.

    Das Schreibprogramm zeigt dir im Navigationsbereich (normalerweise links neben dem Text) die Überschriften an. Mit einem Klick bist du dort. Das erleichtert dir die Arbeit erheblich. So sieht es in Word aus:

    Navigationsbereich im Word

    Formatvorlagen

    Hier ein kleiner Ausschnitt der Word-Toolbar:

    Word Formatvorlagen in der Toolbar

    Die größeren Schreibprogramme haben alle etwas Ähnliches wie Formatvorlagen. Bei LibreOffice Writer heißen sie auch so und bei GoogleDocs heißen sie Absatzstile.

    Die Formatvorlage enthält Texteinstellungen. Du trennst damit die Gestaltung vom Inhalt und erreichst Einheitlichkeit fast ohne Aufwand.

    Du brauchst zwei Formatvorlagen:
    ‚Standard‘
    und
    ‚Überschrift 1‘.

    (Manchmal heißt ‚Standard‘ auch anders. Es ist einfach die Formatvorlage, die ausgewählt ist, wenn du ein neues Dokument öffnest.)

    Beachte: Diese Formatvorlagen gelten immer für den ganzen Absatz (es gibt auch andere, aber die fassen wir nicht an). Word gibt dir die Möglichkeit, ein großes Durcheinander zu veranstalten. Darum:

    Markiere nie Text,
    wenn du diese Formatvorlagen zuordnest.

    Es könnte sonst passieren, dass nur die markierten Zeichen die Formatvorlage erhalten. Weil aber auch Absatzeigenschaften damit gesteuert werden, reicht das nicht. Die Eingabemarke kann irgendwo im Absatz oder der Überschrift stehen, wenn du die Formatvorlage auswählst.

    Abstände

    Als Abstände fasse ich Folgendes zusammen:

    • Abstände vor und nach Überschriften.
    • Einzüge (Abstand der ersten Zeile eines Absatzes von links)
    • Abstände zwischen Absätzen (sollten auf null stehen)
    • Zeilenabstände
    • Abstände vom Seitenrand behandle ich später in den Seiteneinstellungen.

    Ergänzende Regel für Abstände:

    Niemals machst du Abstände
    mit Leerschlägen,
    Tabulatoren,
    oder mehreren leeren Absätzen

    Wobei ich die leere Absätze noch präzisieren muss (diese machst du übrigens einfach mit der Eingabetaste). Es gibt einen leeren Absatz zwischen Abschnitten. Sonst nie. Es gibt keine leeren Absätze vor und nach Überschriften, um Abstand zu erzeugen.

    Das ist wichtig, weil Leerschläge, Tabulatoren und Absatzwechsel im Text stehen, wo du sie nur mit viel Aufwand ändern kannst. Abstände stehen nur in den Formatvorlagen.

    Silbentrennung

    Die Silbentrennung ist eine Funktion des Schreibprogramms. In anderen Programmen kann sie unbeabsichtigte Trennzeichen oder andere Probleme verursachen.

    Wenn du nicht mit deinem Schreibprogramm bis in den Druck gehen willst (Selfpublishing), schalte die Silbentrennung besser aus.

    Empfohlene Schrifteinstellungen

    Damit komme ich zur provisorischen Gestaltung, die ich angekündigt habe.

    Klicke mit der rechten Maustaste auf die Formatvorlage ‚Standard‘ und wähle ‚Ändern‘. Ein unnötig komplizierter Editor geht auf. Wir sind unerschrocken und wagen uns vor. Beachte vor allem diese unscheinbare Schaltfläche am unteren Rand:

    Formatierungseinstellungen im Formatvorlageneditor.

    Davon brauchst du nur die ersten beiden. Das ist die Stelle, an der du alle Einstellungen vornimmst, die du bei der Niemals-niemals-niemals-Regel nicht einstellen durftest.

    Folgende Abstände stellst du in der Formatvorlage ‚Standard‘ ein:

    • Schriftart: Eine unauffällige, möglichst verbreitete Serifenschriftart wie ‚Times New Roman‘.
    • Schriftgröße 12 pt.
    • Zeilenabstand 1,5.
    • Abstände vor und nach Absätzen: 0.
    • Einzug erste Zeile: Nach Geschmack oder Verlagsvorgabe, z.B. 1 cm. (Du kannst den Einzug in den meisten Schreibprogrammen auch mit der Rücklöschtaste entfernen. Tu das an ersten Absätzen nach einer Überschrift, wenn du das so willst und das Schreibprogramm es nicht automatisch macht.)

    Die Formatvorlage ‚Überschrift 1‘ kannst du nach Gutdünken einstellen. Sinnvoll ist, vor der Überschrift genügend Abstand zu lassen, sofern sie nicht automatisch auf eine neue Seite kommt. Ich empfehle die gleiche Schriftart wie ‚Standard‘, optional in Fettdruck und Schriftgröße 12 bis 16. Natürlich kannst du hier kreativ werden, aufs Risiko hin, dass es unprofessionell aussieht.

    Seiteneinstellungen

    Die Seiteneinstellungen bestehen hauptsächlich aus Seitenrändern. Stell sie so ein, dass du ungefähr auf eine Normseite kommst. Markiere dazu eine gut beschriebene Seite (ohne Überschriften und mit wenig Absatzwechseln) und schraube so lange, bis du auf etwa 1800 Zeichen kommst. (Vorsicht: es gibt unterschiedliche Definitionen der Normseite.) Mit den empfohlenen Schrifteinstellungen kommst du auf etwa 2.5–3 cm Abstand zum Seitenrand.

    Kopf- und Fußzeilen machst du am besten nach Verlagsvorgaben. Bleib auch hier so einfach wie möglich und verwende die gleiche Schrift wie für den Text. Wenn du die Formatvorlage ‚Standard‘ verwendest, könnte der Einzug stören. Lösche ihn mit der Rücklöschtaste weg oder erlaube dir eine eigene Formatvorlage.

    Wo bleibt der Spaß?

    Die gute Nachricht: wenn du alle Ratschläge sorgfältig befolgst, kannst du mit kreativer Gestaltung spielen, ohne das einheitliche Schriftbild zu verlieren. Weil die Formatierungen in den Formatvorlagen stecken, kannst du dort mit Schriftarten, Farben und Texteffekten experimentieren und den Spuk jederzeit gefahrlos wieder beenden.

    Vorsicht mit Kursivschrift: falls du einzelne Wörter kursiv formatiert hast, könnte das verlorengehen, wenn du den ganzen Text kursiv einstellst – was sowieso keine gute Idee ist.

    Zusammenfassung

    Die Formatierung in deinem Manuskript ist provisorisch, soll einheitlich sein und den Text nicht belasten. Dadurch erreichst du ein professionelles Schriftbild.

    • Niemals formatierst du, indem du Text markierst und Eigenschaften oder Abstände einstellst.
    • Einzige Ausnahme: Kursivschrift.
    • Benutze Formatvorlagen. ‚Standard‘ und ‚Überschrift 1‘ reichen für die allermeisten literarischen Texte.
    • Stelle die Formatvorlagen so ein, dass das Schriftbild einem üblichen Buchsatz nahekommt.

  • Wie starke Frauen im Roman überzeugen

    Wie starke Frauen im Roman überzeugen

    Starke Frauen sind beliebte Romanfiguren. Doch sehe ich immer wieder, dass sowohl Autorinnen als auch Autoren an ihnen scheitern. Hier geht es nicht darum, ob eine starke Frau in den Roman gehört oder inwiefern Frauen in einem Roman stark sein müssen. Hier geht es einzig und allein darum:

    Wenn du eine starke Frau hast,
    willst du, dass sie überzeugt.

    Wenn deine Figur gar nicht stark sein soll, dann kannst du hier getrost aufhören zu lesen. Wenn doch, lass uns mit dem folgenden konstruierten Satz beginnen:

    Sie ist so beliebt, weil sie immer so stark ist und immer sagt, was sie denkt.

    Vielleicht klingt das für dich nach einer besonders positiven Beschreibung einer starken Person. Vielleicht geht es dir aber wie mir:

    Mich packt das kalte Grauen.

    Warum? Ich versuche, dem auf den Grund zu gehen.

    Stark und nett

    Unter einer starken Frau stellen sich offenbar viele eine Frau vor, die jedem Menschen ein Übermaß an Empathie entgegenbringt, von allen geliebt wird und nebenbei die Männer in jeder Hinsicht übertrumpft. Nur:

    Es allen recht zu machen
    ist ein Problem für eine starke Figur.

    Der Plan, Bridget Jones mit Rambo zu kombinieren, kann einfach nicht gelingen. Außer der Roman handelt von Persönlichkeitsspaltung.

    So verhält es sich auch mit der Meinung. Eine Haltung zu haben und offen dazu zu stehen, ist eine Stärke. Sie immer auszusprechen nicht unbedingt. Eine Figur sollte ihre Meinung sagen, weil es ihrer Natur entspricht, und nicht, um stark zu sein.

    Starke Menschen können nicht bei allen beliebt sein. Dadurch, dass sie ihr Umfeld beeinflussen, machen sie sich viele Feinde. Es ist ihre Stärke, das auszuhalten und auf ihre individuelle Art damit umzugehen.

    Stark und geliebt

    Besonders kritisch sehe ich folgende Aussage:

    Er: „Sie ist so stark – ich liebe sie.“

    Zuneigung an Stärke zu koppeln
    ist grausam.

    Dass Zuneigung durch Stärke verdient werden muss, ist ein gnadenloser Erwartungsdruck. Was geschieht mit ihr, wenn sie nicht mehr stark sein kann oder will? Es ist auch ungerecht den stillen und schüchternen Gemütern gegenüber. Diese sind im Umkehrschluss nicht so liebenswert.

    Kurz: es eignet sich wunderbar als Konflikt.

    Starkgeredet werden

    Ein Muster, das mir oft begegnet, sind Frauen, die nicht wirklich stark sind, aber andauernd starkgeredet werden. Nebenfiguren sagen: sie ist so stark. Die Erzählstimme sagt: sie ist so stark. Das müsste eigentlich nicht gesagt werden, sondern gezeigt – dort aber beginnt der Putz zu bröckeln.

    Was gezeigt wird, ist eine Figur, die

    • immer lächelt,
    • nie jemandem widerspricht,
    • meistens andere entscheiden lässt,
    • sich für alles entschuldigt
    • oder rechtfertigt,
    • schlecht mit Rückschlägen oder Niederlagen umgeht
    • oder über Schwächere triumphiert.

    Das sind alles geeignete Eigenschaften, um Konflikte aufzubauen. So ist es aber nicht gemeint. Ich sollte die Figur sympathisch finden, während ihre dafür vermeintlich notwendigen Schwächen starkgeredet werden.

    Triumph

    Wir lieben es, wenn sich starke Frauen mit selbstgefälligen Männern anlegen. Das folgende Beispiel strotzt vor Klischees, aber das ist im Moment gar nicht der Punkt.

    Er: „Du wagst es, dich mit mir anzulegen, blöde Kuh? Ich mach Hackfleisch aus dir!“ Schlägt mit der Faust zu.

    Sie: Weicht aus und tritt ihm in die Seite.

    Er: Wankt, flucht und greift erneut an.

    Sie: Springt und tritt ihm aus der Luft ins Gesicht.

    Er: Kippt blutend zu Boden.

    Sie: Stürzt sich auf ihn und tritt ihm so lange auf den Kopf, bis er reglos liegenbleibt.

    Im letzten Satz verliert sie. Man kann bei Gewaltanwendung unterschiedlich empfindlich sein, aber ich respektiere prügelnde Frauen so wenig wie prügelnde Männer. Sobald er blutend am Boden liegt, ist das Herumtrampeln auf seinem Kopf nicht mehr ehrenvoll. Auch nicht, wenn er ein Kotzbrocken ist.

    Was stattdessen funktioniert:

    • Die Siegerin zeigt Größe und wendet keine unnötige Gewalt an. Der Gegner demütigt sich selbst durch seine Überheblichkeit.
    • Es ist nicht die Absicht, die Szene als glorreichen Sieg darzustellen. Es soll zeigen, dass sie ein Aggressionsproblem hat.

    Das Prinzip lässt sich auf jede Sorte Wettkampf anwenden.

    Im Kampf zählt nicht Sieg oder Niederlage,
    sondern Größe.

    Es macht deine Figur nicht automatisch stark, weil sie körperlich überlegen ist. Es zählt einzig und allein, wie sie gewinnt oder wie sie verliert.

    Stärken und Schwächen

    Es gibt so viele Arten, stark zu sein, dass ich eigentlich keine Liste machen wollte. Als Inspiration habe ich trotzdem eine Gegenüberstellung gemacht, wie Stärken und Schwächen zusammenspielen. Es ist nur eine kleine Auswahl von Beispielen.

    • Rückgrat zu zeigen, selbst wenn es Nachteile hat, ist zwar authentisch, aber auch unvernünftig.
    • Mut oder Tapferkeit können nur verletzliche oder ängstliche Figuren haben.
    • Führungsstärke überzeugt noch mehr bei körperlicher oder fachlicher Unterlegenheit.
    • Ehrlichkeit ist eigentlich nur relevant, wenn man etwas zu verbergen hat.

    Suche deiner Figur vorerst eine einzige Stärke aus, die für die Geschichte relevant ist. Das muss nicht bei dieser einen Stärke bleiben, aber es ist ein Anfang, um eine vielschichtige Figur zu entwickeln. Überleg dir dann, welche Schwäche der Figur im Weg steht, um ihre Ziele zu erreichen. Siehe dazu auch: Eine spannende Geschichte richtig aufbauen.

    Fazit

    Du willst eine interessante, glaubwürdige, starke, weibliche oder auch nicht-weibliche Figur entwerfen.

    • Nimm deine Figur ernst. Versetz dich in ihre Lage.
    • Lass sie immer menschlich reagieren und sich selbst bleiben.
    • Gib ihr Charaktermerkmale und nicht nur Stärken mit.
    • Versuche nicht verbissen, eine starke Figur zu schreiben.
    • Versuche nicht verbissen, eine sympathische Figur zu schreiben.

  • Eine spannende Geschichte richtig aufbauen

    Eine spannende Geschichte richtig aufbauen

    Wenn man einen Roman schreibt, muss man tausend Dinge berücksichtigen. Vielleicht hast du Ratgeber gelesen oder Erzählmodelle gelernt. Die Drei-, Vier- oder weiß-ich-wie-viele-Aktstruktur, Heldenreise, auslösendes Ereignis, Konflikte, Midpoint, Plot Twists, Figurenarcs und was es alles gibt. Außerdem brauchst du eine Erzählperspektive, Metaphern, Symbole, Themen und so weiter. Am Ende schwirrt dein Kopf und du fängst irgendwo an.

    Vergiss mal all das für einen Moment. Ich möchte es auf einen einzigen Punkt hinunterkochen. Den Wichtigsten.

    Definiere den zentralen Höhepunkt deiner Geschichte.

    Der zentrale Höhepunkt gibt dir Orientierung und verhindert, dass dein Plot flach wird. Er ist das Ziel, auf das du hinarbeitest und von dem du alles rückwärts aufrollst.

    Was ist der zentrale Höhepunkt?

    Am Höhepunkt ist der Gegner am stärksten und die Hauptfigur wirft alles in den Kampf, was sie hat. Es geht um Sieg oder Niederlage, nichts dazwischen.

    Ich rede von der epischen Schlacht. Vom Moment, in dem der Bräutigam vor dem Altar steht, die erwartungsvollen Blicke der Familie auf sich gerichtet – aber neben ihm steht die falsche Braut.

    Die Geschichte ist hier fast zu Ende. Danach wird der zentrale Konflikt aufgelöst, indem die Hauptfigur siegt oder alles verliert. Dann gibt es nichts mehr zu tun. Ein kurzer Nachhall und der letzte Vorhang fällt.

    Die Auflösung

    Vielleicht kannst du dir den Höhepunkt deiner Geschichte noch nicht vorstellen. Du denkst viel eher an die Auflösung. Die Hauptfigur widersteht der dunklen Seite der Macht und siegt. Oder der Mann gesteht der Richtigen seine Liebe, du weißt aber noch nicht, wie und wo.

    Es wäre ja langweilig, wenn es nichts gäbe, was die Hauptfigur am Sieg hinderte. Der Widerstand ist vor der Auflösung am stärksten. Überleg dir das Schlimmste, was der Auflösung im Wege stehen könnte. Du kommst auf Ideen wie: Der Gegner im Kampf ist der eigene Vater. Oder der Mann wird zur Heirat mit der falschen Frau gezwungen.

    So leicht kommt unser Bräutigam nämlich nicht wieder raus. Er muss sich schon ein wenig Mühe geben. Viel Mühe. Was wäre seine Liebe denn sonst wert? Er soll alles aufbieten, was er vermag. Die Erwartung seiner Familie hat ihn in diese Lage gebracht. Nun muss er opfern, was er bisher hoch gehalten hat: die Familientradition und seinen Platz darin. Zum Beispiel so: Er nimmt dem Prediger das Mikrofon aus der Hand und gesteht der Brautjungfer seine Liebe.

    Das ist eine Auflösung. Es gibt kein Zurück mehr.

    Gegner

    Der Gegner muss nicht unbedingt eine Person sein. Beim Bräutigam ist es der Erwartungsdruck seiner Familie. Nehmen wir ein paar andere Beispiele:

    • Es kann die Natur sein, wenn es ums nackte Überleben geht wie in Cast Away.
    • Es kann ein anonymes System sein, wie in The Hunger Games.
    • Es kann der Held selbst sein, wie in Breaking Bad.

    Figuren

    Bevor du dich an den Plot machst, denk nochmal über deine Figuren nach. Die Stärken, Schwächen und Herkunft deiner Figuren zeigen sich am Höhepunkt und sollten dazu passen.

    Unser Bräutigam ist der einzige Sohn einer Adelsfamilie und die Erhaltung der Familientradition hängt allein an ihm. Er ist schüchtern und spricht nicht gern über seine Gefühle, schon gar nicht vor Leuten.

    • Cast Away: Der Held arbeitet bei FedEx. Tempo, Tempo, Tempo. Dann strandet er auf der einsamen Insel.
    • The Hunger Games: Die Heldin kämpft bereits mit hohen Erwartungen. Sie wird in einen brutalen Kampf geworfen, in dem es unmöglich ist, allem gerecht zu werden.
    • Breaking Bad: Ein enttäuschter Chemielehrer hat die fachlichen Fähigkeiten, aber man würde nicht die Persönlichkeit eines Drogenbarons erwarten.

    Achte darauf, dass die Hauptfigur anfangs nicht gut geeignet ist, den Höhepunkt zu meistern.

    Opfer und Entscheidungen

    Es ist leicht, zu kämpfen, wenn man nichts verlieren kann. Vor oder während des Höhepunkts erkennt die Hauptfigur, was ihr eigentlich wichtig ist. Damit das spürbar wird, muss sie Opfer bringen.

    Unser Bräutigam opfert seinen Stand. Er muss sich entscheiden zwischen dem Leben, auf das er von Kindheit her vorbereitet wurde: Wohlstand, Sicherheit und Pflicht. Oder aber er schießt alles in den Wind und wählt die Liebe.

    • Cast Away: Der Held opfert zum Beispiel seinen fiktiven Freund Wilson, um zu überleben.
    • The Hunger Games: Man könnte eine lange Liste machen, was die Heldin alles opfert. Unter anderem den leichten Sieg im Kampf dafür, menschlich zu bleiben.
    • Breaking Bad: Der Protagonist opfert seine Familie, um Macht zu erhalten.

    Opfer haben mehr Gewicht, wenn die Hauptfigur sie bewusst wählt.

    Die wahre Liebe des Bräutigams wird nicht einfach enthüllt. Er muss nach dem Mikrofon greifen und sprechen.

    Spannungskurve

    Du hast jetzt alles, was deine Geschichte im Kern ausmacht und ein Ziel.

    Schreibe Schritt für Schritt, wie es zum zentralen Höhepunkt kommt. Jede Stufe ist schlimmer als die vorherige und gipfelt im zentralen Höhepunkt, sonst ist man am Ende enttäuscht. Zwischendurch gibt es Hoffnung, nur, um sie wieder zu vernichten.

    Zum Beispiel versucht der Bräutigam, seinem Vater zu widersprechen, was ihm nur Probleme einbrockt. Die Angebetete zeigt ihm, was Zuneigung eigentlich bedeutet, und gibt ihm Kraft.

    Lass deine Hauptfigur scheitern und daran wachsen.

    Und der ganze Rest?

    Egal, wie viel Erzähltheorie du gelernt hast oder auch nicht: der Fokus auf den zentralen Höhepunkt hilft, die richtigen Prioritäten zu setzen. Du leitest davon ein solides Grundgerüst für Spannung und Drama ab.

    Was den ganzen Rest anbelangt, rate ich dir vorerst, dich auf deine Intuition zu verlassen. Ganz bestimmt bist du gut darin. Fass den zentralen Höhepunkt als Reiseziel ins Auge, benutze dein Feingefühl und tob dich kreativ aus.

  • Themen strukturieren: Über Geiz und grüne Schuhe

    Themen strukturieren: Über Geiz und grüne Schuhe

    Ich erzähle dir eine kleine Geschichte.

    Es geht um meinen Nachbarn. Der ist so total geizig, das glaubst du überhaupt nicht.

    Du: Das klingt nach einer lustigen Geschichte. Erzähl schon!

    Ich: Also gestern habe ich ihn mit seinen neuen, grünen Schuhen gesehen.

    Du: Die hat er bestimmt zum halben Preis gekriegt.

    Ich: Das weiß ich jetzt nicht so genau. Jedenfalls sind es tolle Schuhe. Kürzlich habe ich sie im Laden gesehen und wollte sie auch kaufen.

    Du: Aber was hat das mit dem Geiz zu tun?

    Ich: Nichts. Hab ich ja nie behauptet. Er setzt sich also mit seinen neuen Schuhen in den Wagen und braust los. Da fährt der Kerl mich doch beinahe über den Haufen.

    Du: Hat etwas mit den Schuhen nicht gestimmt?

    Ich: Wie kommst du darauf? Jedenfalls kurbelt er das Fenster runter. Und was glaubst du, sagt er zu mir?

    Du: Ähm, ich wills eigentlich gar nicht wissen.

    Ich: Oh, wie schade. Es wäre gerade richtig spannend geworden. Magst du meine Geschichte nicht?

    Du: Nicht wirklich. Worum geht es eigentlich?

    Ich: Das habe ich doch gesagt. Es geht um meinen Nachbarn.

    Lass es uns einzeln durchgehen.

    Der Anfang

    Am Anfang habe ich dir gesagt, worum es geht: Meinen geizigen Nachbarn. Du hast sofort eine Erwartung: Das wird eine lustige Geschichte über einen geizigen Menschen.

    Am Anfang werden Erwartungen gepflanzt.

    Im ersten Satz, der ersten Seite, dem ersten Kapitel eines Romans. Wenn daraus etwas anderes wächst, wirst du einige Zeit brauchen, um deine Erwartungen zu korrigieren. Vielleicht liest du drei oder vier Kapitel, rümpfst die ganze Zeit deine Nase und kannst dich überhaupt nicht richtig auf die Ereignisse einlassen.

    Abschweifungen

    In einem Roman ist eine Menge Platz, um alle möglichen Gedanken einzuflechten. Zum Beispiel, dass ich mir diese Schuhe auch kaufen wollte. Das passt doch gerade so gut. Dich aber interessiert es überhaupt nicht: Du wolltest die Geschichte über den geizigen Nachbarn hören.

    Jeder Satz gehört zur Geschichte
    oder gestrichen.

    Was nicht zur Geschichte gehört, verschwendet deine Aufmerksamkeit und raubt der Handlung Energie.

    Ein Themenbaum

    Du fragst, worum es in der Geschichte geht. Ich bin ein bisschen beleidigt. Schließlich habe ich es klar gesagt: um meinen Nachbarn.

    Nur reicht das eben nicht. Der Nachbar ist zu offen, ein Aufhänger, aber kein Thema. Ich muss mich entscheiden, was ich über den Nachbarn erzählen will und dann immer dabei bleiben.

    Zum Beispiel schreibe ich über Geiz. Alle Ereignisse haben damit zu tun, dass der Nachbar, meine Hauptfigur, geizig ist. Vielleicht versteht man ihn am Ende oder er scheitert daran. Eine Nebenfigur ist besonders großzügig oder prahlt mit Reichtum, um ihn zu kontrastieren.

    Oder ich schreibe über Schuhe. Ich, der Erzähler, beurteile Leute an ihren Schuhen, darum ist mir der Nachbar gleich aufgefallen. Ich habe eine schuhbezogene Kindheitserinnerung und die Schließung der Schuhfabrik halte ich für eine Metapher dafür, dass die Stadt ihre Persönlichkeit verliert.

    Ich kann von Geiz und Schuhen erzählen. Das einzige, wofür der geizige Nachbar nämlich Geld ausgibt, sind seine Schuhe. Und das hat natürlich einen bestimmten Grund, der sich zu erzählen lohnt.

    Themen sind wie die Äste an einem Baum.

    Sie müssen aus einem Stamm wachsen, dem Hauptthema, das wiederum mit dem Hauptkonflikt und der Hauptfigur verbunden ist.

    Darum funktioniert die Geschichte über meinen Nachbarn nicht: Ich habe nur ein paar abgesägte Äste herumliegen.

  • Zauberwort ‚direkt‘

    Zauberwort ‚direkt‘

    ‚Direkt‘ überzeugt nicht direkt durch Wohlklang, dafür durch Direktheit. Leider wird es direkt inflationär verwendet, während seine Bedeutung direkt auf der Strecke bleibt.

    Werfen wir einen Blick in den Duden:

    ‚Direkt‘ bedeutet: ohne Umweg, ohne etwas dazwischen.

    Direkt gegenüber, auf direktem Weg, Direktsaft. Aber nicht: gewissermaßen, eigentlich, geradezu, sofort oder etwas in dieser Art.

    Bedeutungsvielfalt

    Negatives Beispiel:

    Sie streckte die Hand aus und zog sie direkt wieder zurück.

    Das heißt, dass die Person ihre Hand nicht über einen Umweg zurückzieht, also zum Beispiel keine Windmühlenbewegung mit dem Arm macht. Das ist aber nicht gemeint. Gemeint ist:

    Sie streckte die Hand aus und zog sie gleich wieder zurück.

    Oder: … zog sie sofort wieder zurück.

    Ein anderes negatives Beispiel:

    Es sah direkt furchteinflößend aus.

    Allerdings. Es sollte nämlich heißen:

    Es sah geradezu furchteinflößend aus.

    Oder: Es sah richtiggehend furchteinflößend aus.

    Oder: Es sah furchteinflößend aus.

    Unnötig

    Auf eine weitere Enttäuschung konnte er direkt verzichten.

    In diesem Satz bedeutet ‚direkt‘ etwas wie: ‚problemlos‘ oder ‚durchaus‘. Es sollte aber gestrichen werden. Es tut, was Füllwörter tun: es schwächt die Aussage.

    Zuletzt dieses Beispiel:

    Sie sah ihm direkt in die Augen.

    Das ist eine völlig korrekte Anwendung von ‚direkt‘, schließlich schaut man äußerst selten indirekt irgendwohin. Das könnte man tun: Zum Beispiel durch einen Spiegel. Sie könnte die Kamera ihres Handys benutzen. Nichts davon ist zu erwarten, darum ist ‚direkt‘ auch hier völlig überflüssig.

    Sie sah ihm in die Augen.

    Zack. Klingt doch viel direkter, nicht wahr?

    Wie alles begann

    Ich schreibe den anfänglichen Absatz noch einmal neu:

    ‚Direkt‘ überzeugt nicht gerade durch Wohlklang, dafür durch Unmittelbarkeit. Leider wird es inflationär verwendet, während seine Bedeutung auf der Strecke bleibt.

    Nicht perfekt, aber deutlich besser.

  • Ein intensives Gefühl in der Brust

    Ein intensives Gefühl in der Brust

    Ich konstruierte ein Beispiel, wie es in einem Manuskript stehen könnte:

    Er schaute mich direkt an und ein intensives Gefühl breitete sich in meiner Brust aus.

    Klingt das gut oder schrecklich? Schon sowas Ähnliches gelesen – oder geschrieben? Lasst es uns zerlegen.

    Intensiv

    Es gibt Manuskripte, bei denen ist alles sehr intensiv. Leute schauen sich intensiv an, die Schmerzen sind sehr intensiv und noch nie wurde so intensiv gestritten. Intensiv ist doppelplus stark. Es heißt nicht viel. Ein erfolgloser Versuch, Gewicht in den Text zu legen.

    Ein Beispiel:

    Noch nie hat sie so intensiv gefühlt.

    Fragt sich hier: was genau fühlt sie eigentlich? Glück? Wärme? Geborgenheit? Ist das etwa nicht intensiv genug? Dann empfehle ich eine schöne Metapher. Gerade nämlich schwebt sie einen halben Meter über dem Boden, die Sonne selbst geht in ihrem Herzen auf und ihre Seele tanzt einen Walzer. Etwas, das zum Ton und Thema des Romans und in die Szene passt und möglichst ein konkretes Gefühl auslöst.

    Er sah ihr intensiv in die Augen.

    In vielen romantischen Texten ist die Hauptaufgabe der Männer, abwechselnd intensiv zu schauen und zu grinsen. Ich habe nichts dagegen, dass der Love-Interest nur Projektionsfläche ist, eine leere Hülle ohne Persönlichkeit. Männer wie Frauen müssen dafür herhalten. Trotzdem sollte man den Bogen nicht überspannen.

    Wirkungsvoller wäre ein bestimmter Gesichtsausdruck. (Bitte nicht: er hob die Augenbrauen.) Könnten die Männer vielleicht einen nützlichen Satz sprechen? Ich weiß, das tun sie auch in der realen Welt nur selten, aber für den intensiven Augenblick in einem fiktiven Roman wäre das durchaus eine akzeptable Option.

    Direkt anschauen

    Direkt ist für mich ein Reizwort geworden. Wenn ich direkt schon sehe, verspüre ich direkt das Gefühl, es direkt zu streichen. Darum habe ich darüber einen eigenen Post geschrieben: Direkt.

    Gefühle, die sich in der Brust ausbreiten

    Über Gefühle zu schreiben ist schwer. Die gefühlsgeladenen Stellen sind oft Höhepunkte, wo Konflikte eskalieren oder gelöst werden. Es sind sensible Momente, die keine handwerklichen Schwächen erlauben.

    Der Klassiker unter den Gefühlsbeschreibungen:

    Ein freudiges/beklemmendes/wie-auch-immer-geartetes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus.

    Erstens: Warum sind Gefühle immer in der Brust? Die Absicht, Emotionen körperlich spürbar zu machen, ist ja lobenswert. Aber allzu oft muss die Brust dafür herhalten. Alternativ gibt es noch den Bauch, der ein bisschen besser funktioniert, aber meistens auch nicht überzeugt.

    Zweitens: Gefühle breiten sich immer aus. Meistens in der Brust, manchmal in der ganzen Figur. Sehr oft lese ich auch durchströmen oder durchfluten.

    Panik durchflutete ihn.

    Das sind abgegriffene Formulierungen, die bei mir kaum noch Emotionen wecken.

    Wie anders?

    Wie schreibt man denn sonst wirkungsvoll über Gefühle? Leider gibt es dafür kein Rezept – es sind ja gerade die Rezepte, an denen die Gefühle scheitern.

    Gefühle werden nicht durch bestimmte Wörter oder Stilmittel spürbar, sondern dadurch, dass Figuren seelisch verletzt werden oder heilen. Dies ergibt sich aus der Geschichte.

    Vertraue auf deine Handlung.
    Versetz dich in deine Figuren.
    Versuche nichts zu forcieren.

    Hier noch ein kleines Beispiel einer körperlichen Reaktion.

    Variante 1: Zorn stieg in seiner Brust hoch und er explodierte.

    Variante 2: Hitze stieg ihm ins Gesicht. Dann explodierte er.

    Warum ist der Zorn in der Brust, aber die Hitze im Gesicht? Der Zorn in der Brust ist dahingesagt, die Hitze im Gesicht spürbar und realistisch.

  • Verräter

    Verräter

    Ich starte meinen Schreibblog mit einer kleinen Geschichte über Liebe und Verrat.

    Ich schrieb ein paar Kapitel eines tollen Romans. Diese Kapitel waren hammermäßig. Richtig gut. Bunt und strahlend, humorvoll und tiefsinnig. Ich liebte meinen Text und war mir sicher, dass ich den Verlagsvertrag schon in der Tasche hatte. Während ich also die restlichen Kapitel schrieb, verging Zeit und neue Texte verdrängten in meinem Gehirn die alten. Nach einem halben Jahr war ich durch und kramte meinen Romananfang wieder hervor.

    Ich war ein wenig schockiert.

    Das hatte ich ganz anders in Erinnerung. Das Strahlen war überhaupt gar nicht zu erkennen, der Humor geradezu lächerlich, meine imposanten Bilder glichen Kinderzeichnungen.

    Der größte Feind beim Schreiben ist die Selbstüberschätzung. Sie kommt daher, dass man glaubt, die schönen Dinge im Kopf hätten es irgendwie magisch aufs Papier geschafft. Wenn du mit Schreiben erst angefangen hast, kann ich dir versichern, dass es nicht der Fall ist. Das Schlimmste aber: Du siehst es nicht. Denn:

    Deine Texte sind üble Verräter.

    Sie blenden dir vor, etwas zu sein, das sie nicht sind. Und zwar nur dir allein. Alle anderen Menschen auf dem Planeten – außer vielleicht deine besten Freunde – sehen sie klar und deutlich mit all ihren hässlichen Eigenschaften. Aber vor dir tragen sie eine Maske und führen einen beeindruckenden Tanz auf.

    Vermutlich hast du diese Erfahrung längst hinter dir. Falls nicht: glaub mir, es liegt nicht daran, dass du so gut schreibst. Sondern daran, dass deine Texte wirklich gut darin sind.

    Leider hat man nicht immer ein halbes Jahr Zeit, um den Text ruhen zu lassen. Für mich gibt es keinen anderen Weg, als scharfsinnige Leute mit dem Testlesen und Lektorieren meiner literarischen Ergüsse zu behelligen.

    Aber ich bin fest entschlossen, dem Verräter die Maske herunterzureißen. Ich werde mich an die Arbeit machen, bis ich ihm ins Gesicht schauen kann, ohne mich schämen zu müssen. Dann erst werde ich ihn wieder ein bisschen liebhaben.