Ein intensives Gefühl in der Brust

Ich konstruierte ein Beispiel, wie es in einem Manuskript stehen könnte:

Er schaute mich direkt an und ein intensives Gefühl breitete sich in meiner Brust aus.

Klingt das gut oder schrecklich? Schon sowas Ähnliches gelesen – oder geschrieben? Lasst es uns zerlegen.

Intensiv

Es gibt Manuskripte, bei denen ist alles sehr intensiv. Leute schauen sich intensiv an, die Schmerzen sind sehr intensiv und noch nie wurde so intensiv gestritten. Intensiv ist doppelplus stark. Es heißt nicht viel. Ein erfolgloser Versuch, Gewicht in den Text zu legen.

Ein Beispiel:

Noch nie hat sie so intensiv gefühlt.

Fragt sich hier: was genau fühlt sie eigentlich? Glück? Wärme? Geborgenheit? Ist das etwa nicht intensiv genug? Dann empfehle ich eine schöne Metapher. Gerade nämlich schwebt sie einen halben Meter über dem Boden, die Sonne selbst geht in ihrem Herzen auf und ihre Seele tanzt einen Walzer. Etwas, das zum Ton und Thema des Romans und in die Szene passt und möglichst ein konkretes Gefühl auslöst.

Er sah ihr intensiv in die Augen.

In vielen romantischen Texten ist die Hauptaufgabe der Männer, abwechselnd intensiv zu schauen und zu grinsen. Ich habe nichts dagegen, dass der Love-Interest nur Projektionsfläche ist, eine leere Hülle ohne Persönlichkeit. Männer wie Frauen müssen dafür herhalten. Trotzdem muss das ja nicht so himmelschreiend sein.

Wirkungsvoller wäre ein bestimmter Gesichtsausdruck. (Bitte nicht: er hob die Augenbrauen.) Könnten die Männer vielleicht einen nützlichen Satz sprechen? Ich weiß, das tun sie auch in der realen Welt nur selten, aber für den intensiven Augenblick in einem fiktiven Roman wäre das durchaus eine akzeptable Option.

Direkt anschauen

Direkt ist für mich ein Reizwort geworden. Wenn ich direkt schon sehe, verspüre ich direkt das Gefühl, es direkt zu streichen. Darum habe ich darüber einen eigenen Post geschrieben: Direkt.

Gefühle, die sich in der Brust ausbreiten

Über Gefühle zu schreiben ist schwer. Die gefühlsgeladenen Stellen sind oft Höhepunkte, wo Konflikte eskalieren oder gelöst werden. Es sind sensible Momente, die keine handwerklichen Schwächen erlauben.

Der Klassiker unter den Gefühlsbeschreibungen:

Ein freudiges/beklemmendes/wie-auch-immer-geartetes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus.

Erstens: Warum sind Gefühle immer in der Brust? Die Absicht, Emotionen körperlich spürbar zu machen, ist ja lobenswert. Aber allzu oft muss die Brust dafür herhalten. Alternativ gibt es noch den Bauch, der ein bisschen besser funktioniert, aber meistens auch nicht überzeugt.

Zweitens: Gefühle breiten sich immer aus. Meistens in der Brust, manchmal in der ganzen Figur. Sehr oft lese ich auch durchströmen oder durchfluten.

Panik durchflutete ihn.

Das sind abgegriffene Formulierungen, die bei mir kaum noch Emotionen wecken.

Wie anders?

Wie schreibt man denn sonst wirkungsvoll über Gefühle? Leider gibt es dafür kein Rezept – es sind ja gerade die Rezepte, an denen die Gefühle scheitern.

Gefühle werden nicht durch bestimmte Wörter oder Stilmittel spürbar, sondern dadurch, dass Figuren seelisch verletzt werden oder heilen. Dies ergibt sich aus der Geschichte.

Vertraue auf deine Handlung.
Versetz dich in deine Figuren.
Versuche nichts zu forcieren.

Hier noch ein kleines Beispiel einer körperlichen Reaktion.

Variante 1: Zorn stieg in seiner Brust hoch und er explodierte.

Variante 2: Hitze stieg ihm ins Gesicht. Dann explodierte er.

Warum ist der Zorn in der Brust, aber die Hitze im Gesicht? Der Zorn in der Brust ist dahingesagt, die Hitze im Gesicht spürbar und realistisch.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert