Die Gegenwartsform ist in der Literatur Mode geworden, tatsächlich aber enorm schwer zu beherrschen. Sehr oft lese ich Sätze wie diesen:
Als er aufblickt, grinst er.
Autsch. Das Wort ‚als‘ ist im Präsens als Konjunktion so nicht zulässig, darum tut dieser Satz weh. Beim Lesen von Manuskripten in der Gegenwartform ist mir aufgefallen, dass im Kopf der Schreibenden offenbar das erzählerische Präteritum herumgegeistert und eins zu eins ins Präsens übersetzt wird. Man könnte den Satz auf verschiedene Arten reparieren, zum Beispiel mit ‚wenn‘ oder ‚während‘. Mein Vorschlag aber ist:
Er blickt auf und grinst.
Das kleine, unscheinbare, aber häufige Wort ‚als‘ bringt mich zur Erkenntnis, wie tief die Zeitform in die Ausdrucksweise eines Textes eingreift.
Die Zeitform ist keine Schriftart,
die man über den Text legt.
In der Schule lernen wir, Texte in andere Zeitformen zu übersetzen. Das mag in einer Grammatikübung funktionieren, aber in literarischen Texten tut es das nicht. Das Präsens funktioniert anders und Erzählen im Präsens verlangt eine andere Sichtweise auf die Geschehnisse. Wir wollen damit ja eine Wirkung erzielen.
Die Wirkung erzielen wir nicht
durch die grammatikalische Form,
sondern durch die andere Art zu erzählen.
Ich gebe zu, ich begebe mich hier auf unsicheres Terrain. Die Grammatik hinter den Zeitformen wird tausendfach erklärt, über die Konsequenzen für eine Erzählung kann ich jedoch nichts finden und bin ganz auf meine eigene Einschätzung angewiesen.
Die Gegenwart ist ein Zeitpunkt
Das Erzählen im Präteritum ist immer ein Rückblick, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Du bekommst darum eine bessere Übersicht über die Abfolge der Ereignisse und die Freiheit, in anderer Reihenfolge zu berichten und die ursprüngliche Reihenfolge nur anzudeuten. Das Wort ‚als‘ ist der Beweis dafür, dass ungenaue zeitliche Zusammenhänge völlig ausreichen.
Die Gegenwart ist hingegen ein Zeitpunkt mit einer Dauer von null Sekunden. Erzählen im Präsens heißt, sich auf diesen Zeitpunkt zu beziehen, das erlaubt dir nicht die geringste Beweglichkeit. Es geht nicht darum, dass ein Ereignis irgendwann stattfindet, vielleicht vor, während oder nach einem anderen Ereignis. Es findet gerade jetzt statt, in dem Augenblick, in dem du das erzählst. Tust du das nicht, fliegt das Ereignis unerzählt vorbei. Du musst ins nachträgliche Berichten wechseln und verlierst dabei die Wirkung des Präsens.
Wenn du im Präsens erzählst, versetzt du dich in die Figuren und musst in präziser Abfolge berichten, was sie gerade erleben und tun. Du musst dir angewöhnen, in Echtzeit zu berichten.
Nachdem
‚Nachdem‘ ist eine Konjunktion wie ‚als‘, bezeichnet aber die genaue Reihenfolge und ist daher in der Gegenwart möglich.
Präteritum: Er schritt aus der Tür, nachdem er einen letzten Blick auf Karl geworfen hatte.
Präsens: Er schreitet aus der Tür, nachdem er einen letzten Blick auf Karl geworfen hat.
Hier tue ich genau das, was ich eingangs kritisiert habe: ich übersetze aus dem Präteritum ins Präsens. Diesmal ist das Ergebnis korrekt, aber deshalb noch lange nicht sinnvoll. Wozu erzähle ich im Präsens, wenn ich die Reihenfolge durcheinanderbringe und damit die Direktheit dieser Zeitform zunichtemache?
Er wirft einen letzten Blick auf Karl und schreitet aus der Tür.
Alles geschieht während der Erzählung.
Bevor
Die Konjunktion ‚bevor‘ halte ich für höchst kritisch.
Bevor er aus der Tür schreitet, wirft er einen letzten Blick auf Karl.
Ohne hellseherische Fähigkeiten kann ich ‚bevor‘ so nicht verwenden. Woher soll ich wissen, dass er als Nächstes aus der Tür schreiten wird? Die Gegenwart ist ein Zeitpunkt und kennt keine Gnade.
Bevor er aus der Tür schreitet, hat er einen letzten Blick auf Karl geworfen.
Damit brauche ich keine Kristallkugel mehr, weil er jetzt schreitet und das Blickwerfen bereits Vergangenheit ist. Genau wie im Beispiel mit ’nachdem‘ bin ich schon wieder ins Perfekt gefallen.
Wird das nicht sehr anstrengend?
Kurz gesagt: doch. Die Gegenwartsform bleibt ständig unmittelbar und erlaubt nicht so leicht zeitliche Abschweifungen. Außerdem kann die Erzählung in eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen ausarten, wodurch es an Vielfalt der Satzstellung mangeln könnte. Dem kannst du entgegenwirken, das braucht aber Erfahrung und einen sicheren Umgang mit dieser Erzählform.
Wann erzähle ich im Präsens?
- Wenn du dir sicher bist, dass deine Geschichte in der starren Gegenwart besser zum Ausdruck kommt.
- Wenn ‚meine Lieblingsautorin benutzt auch die Gegenwart‘ nicht dein einziger Grund ist.
- Wenn es nicht dein erster Roman ist.
Oder noch einfacher ausgedrückt:
Beim winzigsten Zweifel,
verwende Präteritum.

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