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  • Was die KI nicht kann

    Was die KI nicht kann

    Hat uns die KI schon bald überflügelt? Ist sie in wenigen Jahren intelligenter und gebildeter als wir? Und was noch schlimmer ist:

    Ist die KI kreativ?

    Kann sie sich neue Geschichten ausdenken? Natürlich adaptiert sie dabei einfach Werke von menschlichen Schriftstellern und kombiniert sie mit Wissen aus aller Welt. Aber tun wir das nicht alle irgendwie?

    Ich befasse mich nicht mit der theoretischen Kreativitätsfrage. Um sie zu beantworten, müssten wir zuerst verstehen, was Kreativität überhaupt ist. Doch:

    Eigentlich ist es die falsche Frage.

    Wir wollen viel eher wissen, wo unsere eigenen Stärken sind und wie wir uns von der KI abheben.

    Eine taube Blinde

    Stell dir vor, eine Frau liegt im Bett, schon das ganze Leben lang. Sie ist außerdem blind und taub. Dank Braille kann sie lesen und ihr Leben besteht hauptsächlich daraus, tausende von Büchern zu lesen.

    Sie hat nie Musik gehört und keine Lieder gesungen. Nie mit dem Fuß in ein nasses Erdloch getreten oder sich den Zeh am Badezimmerschrank gestoßen. Niemand hat ihr ein Bilderbuch vorgelesen und sie hat nie mit dem Buntstift die Seiten verunstaltet. Sie wurde noch nie vor der Klasse bloßgestellt oder von der besten Freundin angelogen.

    Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Frau eine überragende Autorin wird?

    Du hast es schon lange begriffen. Die KI hat nichts erlebt. Ein Mensch erlebt selbst in einem Zimmer die Welt durch Tasten und Kontakte zu anderen Menschen und hat eigene Empfindungen. Die KI kann so viele Bücher lesen und so kreativ sein, wie sie will: sie wird nie wissen, wie es sich anfühlt und darum auch nicht, was das alles wirklich bedeutet. Schreiben ist keine Frage von Sprachstil, Grammatik oder Rhetorik.

    Schreiben heißt, Erfahrungen zu teilen.

    Auch wenn es sich dabei um fiktionale und unterhaltende Texte handelt.

    Ein kleiner Test

    Ich mache einen einfachen Test. Hier ein paar selbstgeschriebene Sätze aus einer Kurzgeschichte, an der ich gerade arbeite:

    Wenig später kauere ich mit Eimer und Putzlappen bewaffnet in einem Colasee. Er breitet sich unter dem Gestell aus und verbündet sich dort mit dem jahrzehntealten Staub. Während ich mit verklebten Fingern den Lappen auswringe, öffnet sich die Ladentür nochmals.

    Die blinde KI hat noch nie unter ein Gestell im Laden geschaut und hat noch nie Cola an den Fingern gehabt, aber sie hat darüber gelesen. Mal sehen, was sie zustandebringt. Ich weise ChatGPT (aktuell bei Version 5.2) an, mit drei kurzen Sätzen eine Person zu beschreiben, die im leeren Laden Cola wischt, während sich die Tür öffnet. Einen ‚Tick schäbig‘ soll es sein. Ich erhalte folgendes:

    Sie kniet im leeren Laden und schrubbt mit einem schmutzigen Lappen die klebrige Cola vom Boden. Der süße Gestank hängt in der Luft, ihre Hände sind nass, der Blick leer. Die Tür geht auf, und sie wischt weiter, als wäre es ihr egal.

    Was hältst du davon? Schreib doch deine Gedanken zu diesem KI-generierten Text unten in die Kommentare. Hier sind meine.

    Auffällig: Cola muss nicht geschrubbt werden. Beim Aufwischen empfinde ich Cola auch nicht als klebrig, an den Fingern hingegen schon.

    Die KI weiß, dass Cola süß ist. ‚Süßer Gestank‘ als bewusster Gegensatz ist beinahe raffiniert, klingt aber zu grob. Dass dieser Gestank in der Luft hängt, find ich übertrieben. In einer Colafabrik vielleicht.

    Mit ‚die Hände sind nass, der Blick leer‘ hat die KI Details hinzugefügt. In einem größeren Zusammenhang sollten diese nicht willkürlich sein. In diesem Beispiel fehlt der Rest der Szene, aber erfahrungsgemäß ist sie darin überhaupt nicht treffsicher.

    Mir fällt auf, dass weder Hände noch Blick noch Tür irgendwie miteinander verbunden sind. Nicht als Ablauf, nicht als sprachliche oder klangliche Spielerei, nicht sonst wie. Es könnte als stoisches Stakkato durchgehen, es hat eine kleine Beschleunigung, ist mir dafür aber zu ausschweifend. Für mich klingt es dahingesagt.

    Was bedeutet das für uns?

    Was können wir daraus lernen? Konzentrieren wir uns auf das, was wir am besten können.

    Schöpfen wir Inspiration aus unserer Lebenserfahrung.

    Versetzen wir uns in die Figuren, fühlen wie sie und erleben wie sie. Durch ihre Augen schauen wir uns in unserer selbsterschaffenen Welt um. Welche Details entdecken wir und was lösen sie in uns aus? Dann erst versuchen wir, das in Worten auszudrücken.

    Die KI kann das nicht. Sie kann nur die Beschreibungen, die wir daraus erschaffen haben, neu zusammensetzen. Ihre Informationen kommen bestenfalls aus zweiter Hand.