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  • Themen strukturieren: Über Geiz und grüne Schuhe

    Themen strukturieren: Über Geiz und grüne Schuhe

    Ich erzähle dir eine kleine Geschichte.

    Es geht um meinen Nachbarn. Der ist so total geizig, das glaubst du überhaupt nicht.

    Du: Das klingt nach einer lustigen Geschichte. Erzähl schon!

    Ich: Also gestern habe ich ihn mit seinen neuen, grünen Schuhen gesehen.

    Du: Die hat er bestimmt zum halben Preis gekriegt.

    Ich: Das weiß ich jetzt nicht so genau. Jedenfalls sind es tolle Schuhe. Kürzlich habe ich sie im Laden gesehen und wollte sie auch kaufen.

    Du: Aber was hat das mit dem Geiz zu tun?

    Ich: Nichts. Hab ich ja nie behauptet. Er setzt sich also mit seinen neuen Schuhen in den Wagen und braust los. Da fährt der Kerl mich doch beinahe über den Haufen.

    Du: Hat etwas mit den Schuhen nicht gestimmt?

    Ich: Wie kommst du darauf? Jedenfalls kurbelt er das Fenster runter. Und was glaubst du, sagt er zu mir?

    Du: Ähm, ich wills eigentlich gar nicht wissen.

    Ich: Oh, wie schade. Es wäre gerade richtig spannend geworden. Magst du meine Geschichte nicht?

    Du: Nicht wirklich. Worum geht es eigentlich?

    Ich: Das habe ich doch gesagt. Es geht um meinen Nachbarn.

    Lass es uns einzeln durchgehen.

    Der Anfang

    Am Anfang habe ich dir gesagt, worum es geht: Meinen geizigen Nachbarn. Du hast sofort eine Erwartung: Das wird eine lustige Geschichte über einen geizigen Menschen.

    Am Anfang werden Erwartungen gepflanzt.

    Im ersten Satz, der ersten Seite, dem ersten Kapitel eines Romans. Wenn daraus etwas anderes wächst, wirst du einige Zeit brauchen, um deine Erwartungen zu korrigieren. Vielleicht liest du drei oder vier Kapitel, rümpfst die ganze Zeit deine Nase und kannst dich überhaupt nicht richtig auf die Ereignisse einlassen.

    Abschweifungen

    In einem Roman ist eine Menge Platz, um alle möglichen Gedanken einzuflechten. Zum Beispiel, dass ich mir diese Schuhe auch kaufen wollte. Das passt doch gerade so gut. Dich aber interessiert es überhaupt nicht: Du wolltest die Geschichte über den geizigen Nachbarn hören.

    Jeder Satz gehört zur Geschichte
    oder gestrichen.

    Was nicht zur Geschichte gehört, verschwendet deine Aufmerksamkeit und raubt der Handlung Energie.

    Ein Themenbaum

    Du fragst, worum es in der Geschichte geht. Ich bin ein bisschen beleidigt. Schließlich habe ich es klar gesagt: um meinen Nachbarn.

    Nur reicht das eben nicht. Der Nachbar ist zu offen, ein Aufhänger, aber kein Thema. Ich muss mich entscheiden, was ich über den Nachbarn erzählen will und dann immer dabei bleiben.

    Zum Beispiel schreibe ich über Geiz. Alle Ereignisse haben damit zu tun, dass der Nachbar, meine Hauptfigur, geizig ist. Vielleicht versteht man ihn am Ende oder er scheitert daran. Eine Nebenfigur ist besonders großzügig oder prahlt mit Reichtum, um ihn zu kontrastieren.

    Oder ich schreibe über Schuhe. Ich, der Erzähler, beurteile Leute an ihren Schuhen, darum ist mir der Nachbar gleich aufgefallen. Ich habe eine schuhbezogene Kindheitserinnerung und die Schließung der Schuhfabrik halte ich für eine Metapher dafür, dass die Stadt ihre Persönlichkeit verliert.

    Ich kann von Geiz und Schuhen erzählen. Das einzige, wofür der geizige Nachbar nämlich Geld ausgibt, sind seine Schuhe. Und das hat natürlich einen bestimmten Grund, der sich zu erzählen lohnt.

    Themen sind wie die Äste an einem Baum.

    Sie müssen aus einem Stamm wachsen, dem Hauptthema, das wiederum mit dem Hauptkonflikt und der Hauptfigur verbunden ist.

    Darum funktioniert die Geschichte über meinen Nachbarn nicht: Ich habe nur ein paar abgesägte Äste herumliegen.