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  • Mit Testleserfeedback umgehen

    Mit Testleserfeedback umgehen

    Du hast Seelenstriptease gemacht und ein paar mutige Stellen geschrieben. Du hattest schlaflose Nächte, weil du nicht sicher warst, ob Patrick diesen Satz wirklich zu Susie sagen soll. Ist es doch zu extrem? Nun willst du wissen, was deine Testleser dazu sagen.

    Doch. Leider trampeln sie wie eine Horde Oger über deinen Text. Sie verstehen überhaupt nicht, worum es geht. Dort, wo du bewusst aus den abgetretenen Pfaden ausgebrochen bist, wird dir vorgetragen, nicht die einfachsten Regeln des Schreibens zu beherrschen. Auf Anfrage können sie sich nicht daran erinnern, dass Patrick je mit Susie geredet hat. Dafür wird an jedem kleinen Tippfehler gemäkelt, dabei weißt du ja, dass du es noch überarbeiten musst.

    Ich bin mir sicher, ich habe in meiner „Testleserkarriere“ eine Menge Ogerkommentare gemacht. Nicht aus Bosheit. Ich bin ja schließlich um meine Meinung gefragt worden.

    Aber was läuft schief? Unrealistische gegenseitige Erwartungen.

    Wenn du schlecht Geige spielst, sagt niemand: „Du hast da einen raffinierten Tonartwechsel gemacht.“

    Der Testleser liest dein Manuskript genau so. Er vergleicht es mit zehnmal überarbeiteten und lektorierten Büchern aus dem Buchhandel.

    Um Nutzen aus dem Testlesen zu ziehen, musst du drei Dinge beachten:

    • Reifegrad und Testleserkreis abstimmen.
    • Erwartungen gegenseitig abgleichen.
    • Die schwere Wahrheit akzeptieren: Der Testleser hat immer recht.

    Unreife Texte testlesen lassen

    Vielleicht ahnst du meinen Vorschlag schon. Bitte nur Leute um das Testlesen unfertiger Texte, die eine Ahnung vom Schreibprozess haben. Nicht nur von der Sprache und Literatur. Sie müssen wissen, wie Romane entstehen und dass am Anfang immer viele Mängel vorhanden sind. Sie müssen deine Absichten trotzdem erkennen können.

    Ich wünsche mir oft, dass ich auch Konzepte und Zusammenfassungen bekomme. Leider ist das noch nie passiert. Ich verstehe das. Autoren sind Magier und lassen sich nicht gerne in die Karten blicken. Aber ich könnte sehr bald Hinweise geben, ob die Geschichte funktioniert, wo Leserfrust oder Plotholes lauern, ohne mich durch 439 Seiten unreifen Textes lesen zu müssen.

    Testleser vorbereiten

    Warst du schon einmal von einem Film enttäuscht, weil du etwas anderes erwartet hast? Vielleicht hat das Plakat, der Trailer, der Name der Schauspielerin eine Erwartung geweckt. Ein paar Jahre später schaust du den Film wieder und findest ihn eigentlich ganz gut.

    Erwartungen sind ein sehr empfindlicher Bestandteil der Zufriedenheit. Wenn ich Kitsch lesen will, bin ich enttäuscht, dass es tiefgründig wird.

    Ein Buch ist gut, wenn es die Erwartungen auf unerwartete Weise erfüllt.

    Das ist schon Buch-Marketing Grundkurs.

    Es braucht sehr wenig, um Erwartungen zu wecken. Der Titel tut das bereits. Was man über dich weiß, wie zum Beispiel frühere Veröffentlichungen. Der Klappentext natürlich. Sei sehr vorsichtig, was du dort ankündigst. Es muss nicht toll klingen. Es muss genau – GENAU – auf dein Werk passen. Benenne ein bekanntes Genre und die Altersgruppe, für die du schreibst.

    Sag klar, was du brauchst

    Was mich selbst am Testlesen sehr beunruhigt, ist, dass ich keine Ahnung habe, was man von mir erwartet. Hilft es, wenn ich diesen Rechtschreibfehler oder die falsche Verwendung eines Begriffs anmerke?

    Am besten schreibst du am Anfang, in einem Vorwort oder so, was du brauchst.

    Zum Beispiel etwas von diesem:

    • Thema: Gefällt es? Stößt es auf Interesse? Eine Leseprobe reicht.
    • Logiklücken: Wenn du glaubst, an alles gedacht zu haben.
    • Spannungsbogen
    • Sprachstil
    • Rechtschreibung und Grammatik
    • Alles: wenn du denkst, du wärst fertig.

    Kommuniziere auch klar, wenn du auf gewisse Mängel nicht hingewiesen werden willst. Z.B.: Bitte keine Grammatik- und Rechtschreibfehler anmerken, ich lasse es später korrekturlesen.

    Testleserfeedback interpretieren

    Ich habe die bittere Wahrheit schon angekündigt:

    Der Testleser hat immer recht.

    Nenn mir ein einziges schlechtes Buch oder einen schlechten Film. Das kannst du bestimmt wie aus der Kanone geschossen. Über dieses Buch oder diesen Film muss ich nicht mit dir streiten. Aus deiner Warte hast du recht und lässt dir nichts anderes sagen.

    Aber es gibt doch bestimmt Ausnahmen! Diese Testleserin zum Beispiel hat doch ganz offensichtlich nicht verstanden, worum es in meiner Szene geht. Jetzt will sie mir erklären, was Patrick eigentlich hätte zu Susie sagen sollen.

    Ich formuliere ihr Feedback um.

    • Bei allem, was die Testleserin von meinem Buch und der Szene erwartet,
    • bei allem, was sie von meinem Buch bisher verstanden hat,

    würde sie es besser, logischer oder befriedigender finden, wenn Patrick den von ihr vorgeschlagenen Satz sagen würde.

    Meine Stellschrauben:

    • Sie ist nicht mein Zielpublikum.
      Kommt vor, es ist aber auch eine verlockende Ausrede. Leser können auch außerhalb ihres Komfortbereichs nützliches Feedback geben. Sogar besonders sachlich, weil ich keinen Fan-Vorschuss bekomme.
    • Ich habe sie nicht richtig auf mein Buch vorbereitet.
      Ich überprüfe meinen Klapptext und das erste Kapitel.
    • Ich habe sie nicht richtig auf die Szene vorbereitet.
      In den vorherigen Kapiteln geht zu wenig hervor, wie verzweifelt Patrick eigentlich ist.
    • Ich habe einen Logikfehler gemacht.
      Patrick müsste ja wissen, dass Susie ihn umbringen wollte, damit der Satz Sinn ergibt.
    • Es war meine Absicht, dass der Satz keinen Sinn ergibt.
      Vierzig Seiten später klärt sich das. Noch gefährlicher als der erste Punkt.

    Ich muss den letzten Punkt ein bisschen ausführen. Es braucht sehr viel Vertrauen in mich und meinen Text, dass man weiterliest, obwohl es sich unlogisch oder seltsam anfühlt. Ich darf Leser in die Irre führen, aber nicht vergraulen. Wenn ich den richtigen Grund, warum Patrick das sagt, nicht offenbaren will, überleg ich mir einen falschen Grund, der funktioniert, aber sich später als Irrtum herausstellt. Die Testleserin hatte recht: Hier habe ich sie abgehängt.

    Jetzt hör ich dich ausrufen: Aber es gibt auch gute Gründe, Feedback zu ignorieren! Ich sage: Nein. Es gibt gute Gründe, den Text doch nicht zu ändern. Lass dir Zeit mit dieser Entscheidung.

    Du kannst der Sache nur auf den Grund gehen, wenn du das Feedback nicht wörtlich, aber ernst nimmst.