Schlagwort: Testlesen

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    Verräter

    Ich starte meinen Schreibblog mit einer kleinen Geschichte über Liebe und Verrat.

    Ich schrieb ein paar Kapitel eines tollen Romans. Diese Kapitel waren hammermäßig. Richtig gut. Bunt und strahlend, humorvoll und tiefsinnig. Ich liebte meinen Text und war mir sicher, dass ich den Verlagsvertrag schon in der Tasche hatte. Während ich also die restlichen Kapitel schrieb, verging Zeit und neue Texte verdrängten in meinem Gehirn die alten. Nach einem halben Jahr war ich durch und kramte meinen Romananfang wieder hervor.

    Ich war ein wenig schockiert.

    Das hatte ich ganz anders in Erinnerung. Das Strahlen war überhaupt gar nicht zu erkennen, der Humor geradezu lächerlich, meine imposanten Bilder glichen Kinderzeichnungen.

    Der größte Feind beim Schreiben ist die Selbstüberschätzung. Sie kommt daher, dass man glaubt, die schönen Dinge im Kopf hätten es irgendwie magisch aufs Papier geschafft. Wenn du mit Schreiben erst angefangen hast, kann ich dir versichern, dass es nicht der Fall ist. Das Schlimmste aber: Du siehst es nicht. Denn:

    Deine Texte sind üble Verräter.

    Sie blenden dir vor, etwas zu sein, das sie nicht sind. Und zwar nur dir allein. Alle anderen Menschen auf dem Planeten – außer vielleicht deine besten Freunde – sehen sie klar und deutlich mit all ihren hässlichen Eigenschaften. Aber vor dir tragen sie eine Maske und führen einen beeindruckenden Tanz auf.

    Vermutlich hast du diese Erfahrung längst hinter dir. Falls nicht: glaub mir, es liegt nicht daran, dass du so gut schreibst. Sondern daran, dass deine Texte wirklich gut darin sind.

    Leider hat man nicht immer ein halbes Jahr Zeit, um den Text ruhen zu lassen. Für mich gibt es keinen anderen Weg, als scharfsinnige Leute mit dem Testlesen und Lektorieren meiner literarischen Ergüsse zu behelligen.

    Aber ich bin fest entschlossen, dem Verräter die Maske herunterzureißen. Ich werde mich an die Arbeit machen, bis ich ihm ins Gesicht schauen kann, ohne mich schämen zu müssen. Dann erst werde ich ihn wieder ein bisschen liebhaben.