Kategorie: Schreiben

  • Wie starke Frauen im Roman überzeugen

    Wie starke Frauen im Roman überzeugen

    Starke Frauen sind beliebte Romanfiguren. Doch sehe ich immer wieder, dass sowohl Autorinnen als auch Autoren an ihnen scheitern. Hier geht es nicht darum, ob eine starke Frau in den Roman gehört oder inwiefern Frauen in einem Roman stark sein müssen. Hier geht es einzig und allein darum:

    Wenn du eine starke Frau hast,
    willst du, dass sie überzeugt.

    Wenn deine Figur gar nicht stark sein soll, dann kannst du hier getrost aufhören zu lesen. Wenn doch, lass uns mit dem folgenden konstruierten Satz beginnen:

    Sie ist so beliebt, weil sie immer so stark ist und immer sagt, was sie denkt.

    Vielleicht klingt das für dich nach einer besonders positiven Beschreibung einer starken Person. Vielleicht geht es dir aber wie mir:

    Mich packt das kalte Grauen.

    Warum? Ich versuche, dem auf den Grund zu gehen.

    Stark und nett

    Unter einer starken Frau stellen sich offenbar viele eine Frau vor, die jedem Menschen ein Übermaß an Empathie entgegenbringt, von allen geliebt wird und nebenbei die Männer in jeder Hinsicht übertrumpft. Nur:

    Es allen recht zu machen
    ist ein Problem für eine starke Figur.

    Der Plan, Bridget Jones mit Rambo zu kombinieren, kann einfach nicht gelingen. Außer der Roman handelt von Persönlichkeitsspaltung.

    So verhält es sich auch mit der Meinung. Eine Haltung zu haben und offen dazu zu stehen, ist eine Stärke. Sie immer auszusprechen nicht unbedingt. Eine Figur sollte ihre Meinung sagen, weil es ihrer Natur entspricht, und nicht, um stark zu sein.

    Starke Menschen können nicht bei allen beliebt sein. Dadurch, dass sie ihr Umfeld beeinflussen, machen sie sich viele Feinde. Es ist ihre Stärke, das auszuhalten und auf ihre individuelle Art damit umzugehen.

    Stark und geliebt

    Besonders kritisch sehe ich folgende Aussage:

    Er: „Sie ist so stark – ich liebe sie.“

    Zuneigung an Stärke zu koppeln
    ist grausam.

    Dass Zuneigung durch Stärke verdient werden muss, ist ein gnadenloser Erwartungsdruck. Was geschieht mit ihr, wenn sie nicht mehr stark sein kann oder will? Es ist auch ungerecht den stillen und schüchternen Gemütern gegenüber. Diese sind im Umkehrschluss nicht so liebenswert.

    Kurz: es eignet sich wunderbar als Konflikt.

    Starkgeredet werden

    Ein Muster, das mir oft begegnet, sind Frauen, die nicht wirklich stark sind, aber andauernd starkgeredet werden. Nebenfiguren sagen: sie ist so stark. Die Erzählstimme sagt: sie ist so stark. Das müsste eigentlich nicht gesagt werden, sondern gezeigt – dort aber beginnt der Putz zu bröckeln.

    Was gezeigt wird, ist eine Figur, die

    • immer lächelt,
    • nie jemandem widerspricht,
    • meistens andere entscheiden lässt,
    • sich für alles entschuldigt
    • oder rechtfertigt,
    • schlecht mit Rückschlägen oder Niederlagen umgeht
    • oder über Schwächere triumphiert.

    Das sind alles geeignete Eigenschaften, um Konflikte aufzubauen. So ist es aber nicht gemeint. Ich sollte die Figur sympathisch finden, während ihre dafür vermeintlich notwendigen Schwächen starkgeredet werden.

    Triumph

    Wir lieben es, wenn sich starke Frauen mit selbstgefälligen Männern anlegen. Das folgende Beispiel strotzt vor Klischees, aber das ist im Moment gar nicht der Punkt.

    Er: „Du wagst es, dich mit mir anzulegen, blöde Kuh? Ich mach Hackfleisch aus dir!“ Schlägt mit der Faust zu.

    Sie: Weicht aus und tritt ihm in die Seite.

    Er: Wankt, flucht und greift erneut an.

    Sie: Springt und tritt ihm aus der Luft ins Gesicht.

    Er: Kippt blutend zu Boden.

    Sie: Stürzt sich auf ihn und tritt ihm so lange auf den Kopf, bis er reglos liegenbleibt.

    Im letzten Satz verliert sie. Man kann bei Gewaltanwendung unterschiedlich empfindlich sein, aber ich respektiere prügelnde Frauen so wenig wie prügelnde Männer. Sobald er blutend am Boden liegt, ist das Herumtrampeln auf seinem Kopf nicht mehr ehrenvoll. Auch nicht, wenn er ein Kotzbrocken ist.

    Was stattdessen funktioniert:

    • Die Siegerin zeigt Größe und wendet keine unnötige Gewalt an. Der Gegner demütigt sich selbst durch seine Überheblichkeit.
    • Es ist nicht die Absicht, die Szene als glorreichen Sieg darzustellen. Es soll zeigen, dass sie ein Aggressionsproblem hat.

    Das Prinzip lässt sich auf jede Sorte Wettkampf anwenden.

    Im Kampf zählt nicht Sieg oder Niederlage,
    sondern Größe.

    Es macht deine Figur nicht automatisch stark, weil sie körperlich überlegen ist. Es zählt einzig und allein, wie sie gewinnt oder wie sie verliert.

    Stärken und Schwächen

    Es gibt so viele Arten, stark zu sein, dass ich eigentlich keine Liste machen wollte. Als Inspiration habe ich trotzdem eine Gegenüberstellung gemacht, wie Stärken und Schwächen zusammenspielen. Es ist nur eine kleine Auswahl von Beispielen.

    • Rückgrat zu zeigen, selbst wenn es Nachteile hat, ist zwar authentisch, aber auch unvernünftig.
    • Mut oder Tapferkeit können nur verletzliche oder ängstliche Figuren haben.
    • Führungsstärke überzeugt noch mehr bei körperlicher oder fachlicher Unterlegenheit.
    • Ehrlichkeit ist eigentlich nur relevant, wenn man etwas zu verbergen hat.

    Suche deiner Figur vorerst eine einzige Stärke aus, die für die Geschichte relevant ist. Das muss nicht bei dieser einen Stärke bleiben, aber es ist ein Anfang, um eine vielschichtige Figur zu entwickeln. Überleg dir dann, welche Schwäche der Figur im Weg steht, um ihre Ziele zu erreichen. Siehe dazu auch: Eine spannende Geschichte richtig aufbauen.

    Fazit

    Du willst eine interessante, glaubwürdige, starke, weibliche oder auch nicht-weibliche Figur entwerfen.

    • Nimm deine Figur ernst. Versetz dich in ihre Lage.
    • Lass sie immer menschlich reagieren und sich selbst bleiben.
    • Gib ihr Charaktermerkmale und nicht nur Stärken mit.
    • Versuche nicht verbissen, eine starke Figur zu schreiben.
    • Versuche nicht verbissen, eine sympathische Figur zu schreiben.

  • Mit Testleserfeedback umgehen

    Mit Testleserfeedback umgehen

    Du hast Seelenstriptease gemacht und ein paar mutige Stellen geschrieben. Du hattest schlaflose Nächte, weil du nicht sicher warst, ob Patrick diesen Satz wirklich zu Susie sagen soll. Ist es doch zu extrem? Nun willst du wissen, was deine Testleser dazu sagen.

    Doch. Leider trampeln sie wie eine Horde Oger über deinen Text. Sie verstehen überhaupt nicht, worum es geht. Dort, wo du bewusst aus den abgetretenen Pfaden ausgebrochen bist, wird dir vorgetragen, nicht die einfachsten Regeln des Schreibens zu beherrschen. Auf Anfrage können sie sich nicht daran erinnern, dass Patrick je mit Susie geredet hat. Dafür wird an jedem kleinen Tippfehler gemäkelt, dabei weißt du ja, dass du es noch überarbeiten musst.

    Ich bin mir sicher, ich habe in meiner „Testleserkarriere“ eine Menge Ogerkommentare gemacht. Nicht aus Bosheit. Ich bin ja schließlich um meine Meinung gefragt worden.

    Aber was läuft schief? Unrealistische gegenseitige Erwartungen.

    Wenn du schlecht Geige spielst, sagt niemand: „Du hast da einen raffinierten Tonartwechsel gemacht.“

    Der Testleser liest dein Manuskript genau so. Er vergleicht es mit zehnmal überarbeiteten und lektorierten Büchern aus dem Buchhandel.

    Um Nutzen aus dem Testlesen zu ziehen, musst du drei Dinge beachten:

    • Reifegrad und Testleserkreis abstimmen.
    • Erwartungen gegenseitig abgleichen.
    • Die schwere Wahrheit akzeptieren: Der Testleser hat immer recht.

    Unreife Texte testlesen lassen

    Vielleicht ahnst du meinen Vorschlag schon. Bitte nur Leute um das Testlesen unfertiger Texte, die eine Ahnung vom Schreibprozess haben. Nicht nur von der Sprache und Literatur. Sie müssen wissen, wie Romane entstehen und dass am Anfang immer viele Mängel vorhanden sind. Sie müssen deine Absichten trotzdem erkennen können.

    Ich wünsche mir oft, dass ich auch Konzepte und Zusammenfassungen bekomme. Leider ist das noch nie passiert. Ich verstehe das. Autoren sind Magier und lassen sich nicht gerne in die Karten blicken. Aber ich könnte sehr bald Hinweise geben, ob die Geschichte funktioniert, wo Leserfrust oder Plotholes lauern, ohne mich durch 439 Seiten unreifen Textes lesen zu müssen.

    Testleser vorbereiten

    Warst du schon einmal von einem Film enttäuscht, weil du etwas anderes erwartet hast? Vielleicht hat das Plakat, der Trailer, der Name der Schauspielerin eine Erwartung geweckt. Ein paar Jahre später schaust du den Film wieder und findest ihn eigentlich ganz gut.

    Erwartungen sind ein sehr empfindlicher Bestandteil der Zufriedenheit. Wenn ich Kitsch lesen will, bin ich enttäuscht, dass es tiefgründig wird.

    Ein Buch ist gut, wenn es die Erwartungen auf unerwartete Weise erfüllt.

    Das ist schon Buch-Marketing Grundkurs.

    Es braucht sehr wenig, um Erwartungen zu wecken. Der Titel tut das bereits. Was man über dich weiß, wie zum Beispiel frühere Veröffentlichungen. Der Klappentext natürlich. Sei sehr vorsichtig, was du dort ankündigst. Es muss nicht toll klingen. Es muss genau – GENAU – auf dein Werk passen. Benenne ein bekanntes Genre und die Altersgruppe, für die du schreibst.

    Sag klar, was du brauchst

    Was mich selbst am Testlesen sehr beunruhigt, ist, dass ich keine Ahnung habe, was man von mir erwartet. Hilft es, wenn ich diesen Rechtschreibfehler oder die falsche Verwendung eines Begriffs anmerke?

    Am besten schreibst du am Anfang, in einem Vorwort oder so, was du brauchst.

    Zum Beispiel etwas von diesem:

    • Thema: Gefällt es? Stößt es auf Interesse? Eine Leseprobe reicht.
    • Logiklücken: Wenn du glaubst, an alles gedacht zu haben.
    • Spannungsbogen
    • Sprachstil
    • Rechtschreibung und Grammatik
    • Alles: wenn du denkst, du wärst fertig.

    Kommuniziere auch klar, wenn du auf gewisse Mängel nicht hingewiesen werden willst. Z.B.: Bitte keine Grammatik- und Rechtschreibfehler anmerken, ich lasse es später korrekturlesen.

    Testleserfeedback interpretieren

    Ich habe die bittere Wahrheit schon angekündigt:

    Der Testleser hat immer recht.

    Nenn mir ein einziges schlechtes Buch oder einen schlechten Film. Das kannst du bestimmt wie aus der Kanone geschossen. Über dieses Buch oder diesen Film muss ich nicht mit dir streiten. Aus deiner Warte hast du recht und lässt dir nichts anderes sagen.

    Aber es gibt doch bestimmt Ausnahmen! Diese Testleserin zum Beispiel hat doch ganz offensichtlich nicht verstanden, worum es in meiner Szene geht. Jetzt will sie mir erklären, was Patrick eigentlich hätte zu Susie sagen sollen.

    Ich formuliere ihr Feedback um.

    • Bei allem, was die Testleserin von meinem Buch und der Szene erwartet,
    • bei allem, was sie von meinem Buch bisher verstanden hat,

    würde sie es besser, logischer oder befriedigender finden, wenn Patrick den von ihr vorgeschlagenen Satz sagen würde.

    Meine Stellschrauben:

    • Sie ist nicht mein Zielpublikum.
      Kommt vor, es ist aber auch eine verlockende Ausrede. Leser können auch außerhalb ihres Komfortbereichs nützliches Feedback geben. Sogar besonders sachlich, weil ich keinen Fan-Vorschuss bekomme.
    • Ich habe sie nicht richtig auf mein Buch vorbereitet.
      Ich überprüfe meinen Klapptext und das erste Kapitel.
    • Ich habe sie nicht richtig auf die Szene vorbereitet.
      In den vorherigen Kapiteln geht zu wenig hervor, wie verzweifelt Patrick eigentlich ist.
    • Ich habe einen Logikfehler gemacht.
      Patrick müsste ja wissen, dass Susie ihn umbringen wollte, damit der Satz Sinn ergibt.
    • Es war meine Absicht, dass der Satz keinen Sinn ergibt.
      Vierzig Seiten später klärt sich das. Noch gefährlicher als der erste Punkt.

    Ich muss den letzten Punkt ein bisschen ausführen. Es braucht sehr viel Vertrauen in mich und meinen Text, dass man weiterliest, obwohl es sich unlogisch oder seltsam anfühlt. Ich darf Leser in die Irre führen, aber nicht vergraulen. Wenn ich den richtigen Grund, warum Patrick das sagt, nicht offenbaren will, überleg ich mir einen falschen Grund, der funktioniert, aber sich später als Irrtum herausstellt. Die Testleserin hatte recht: Hier habe ich sie abgehängt.

    Jetzt hör ich dich ausrufen: Aber es gibt auch gute Gründe, Feedback zu ignorieren! Ich sage: Nein. Es gibt gute Gründe, den Text doch nicht zu ändern. Lass dir Zeit mit dieser Entscheidung.

    Du kannst der Sache nur auf den Grund gehen, wenn du das Feedback nicht wörtlich, aber ernst nimmst.

  • Eine spannende Geschichte richtig aufbauen

    Eine spannende Geschichte richtig aufbauen

    Wenn man einen Roman schreibt, muss man tausend Dinge berücksichtigen. Vielleicht hast du Ratgeber gelesen oder Erzählmodelle gelernt. Die Drei-, Vier- oder weiß-ich-wie-viele-Aktstruktur, Heldenreise, auslösendes Ereignis, Konflikte, Midpoint, Plot Twists, Figurenarcs und was es alles gibt. Außerdem brauchst du eine Erzählperspektive, Metaphern, Symbole, Themen und so weiter. Am Ende schwirrt dein Kopf und du fängst irgendwo an.

    Vergiss mal all das für einen Moment. Ich möchte es auf einen einzigen Punkt hinunterkochen. Den Wichtigsten.

    Definiere den zentralen Höhepunkt deiner Geschichte.

    Der zentrale Höhepunkt gibt dir Orientierung und verhindert, dass dein Plot flach wird. Er ist das Ziel, auf das du hinarbeitest und von dem du alles rückwärts aufrollst.

    Was ist der zentrale Höhepunkt?

    Am Höhepunkt ist der Gegner am stärksten und die Hauptfigur wirft alles in den Kampf, was sie hat. Es geht um Sieg oder Niederlage, nichts dazwischen.

    Ich rede von der epischen Schlacht. Vom Moment, in dem der Bräutigam vor dem Altar steht, die erwartungsvollen Blicke der Familie auf sich gerichtet – aber neben ihm steht die falsche Braut.

    Die Geschichte ist hier fast zu Ende. Danach wird der zentrale Konflikt aufgelöst, indem die Hauptfigur siegt oder alles verliert. Dann gibt es nichts mehr zu tun. Ein kurzer Nachhall und der letzte Vorhang fällt.

    Die Auflösung

    Vielleicht kannst du dir den Höhepunkt deiner Geschichte noch nicht vorstellen. Du denkst viel eher an die Auflösung. Die Hauptfigur widersteht der dunklen Seite der Macht und siegt. Oder der Mann gesteht der Richtigen seine Liebe, du weißt aber noch nicht, wie und wo.

    Es wäre ja langweilig, wenn es nichts gäbe, was die Hauptfigur am Sieg hinderte. Der Widerstand ist vor der Auflösung am stärksten. Überleg dir das Schlimmste, was der Auflösung im Wege stehen könnte. Du kommst auf Ideen wie: Der Gegner im Kampf ist der eigene Vater. Oder der Mann wird zur Heirat mit der falschen Frau gezwungen.

    So leicht kommt unser Bräutigam nämlich nicht wieder raus. Er muss sich schon ein wenig Mühe geben. Viel Mühe. Was wäre seine Liebe denn sonst wert? Er soll alles aufbieten, was er vermag. Die Erwartung seiner Familie hat ihn in diese Lage gebracht. Nun muss er opfern, was er bisher hoch gehalten hat: die Familientradition und seinen Platz darin. Zum Beispiel so: Er nimmt dem Prediger das Mikrofon aus der Hand und gesteht der Brautjungfer seine Liebe.

    Das ist eine Auflösung. Es gibt kein Zurück mehr.

    Gegner

    Der Gegner muss nicht unbedingt eine Person sein. Beim Bräutigam ist es der Erwartungsdruck seiner Familie. Nehmen wir ein paar andere Beispiele:

    • Es kann die Natur sein, wenn es ums nackte Überleben geht wie in Cast Away.
    • Es kann ein anonymes System sein, wie in The Hunger Games.
    • Es kann der Held selbst sein, wie in Breaking Bad.

    Figuren

    Bevor du dich an den Plot machst, denk nochmal über deine Figuren nach. Die Stärken, Schwächen und Herkunft deiner Figuren zeigen sich am Höhepunkt und sollten dazu passen.

    Unser Bräutigam ist der einzige Sohn einer Adelsfamilie und die Erhaltung der Familientradition hängt allein an ihm. Er ist schüchtern und spricht nicht gern über seine Gefühle, schon gar nicht vor Leuten.

    • Cast Away: Der Held arbeitet bei FedEx. Tempo, Tempo, Tempo. Dann strandet er auf der einsamen Insel.
    • The Hunger Games: Die Heldin kämpft bereits mit hohen Erwartungen. Sie wird in einen brutalen Kampf geworfen, in dem es unmöglich ist, allem gerecht zu werden.
    • Breaking Bad: Ein enttäuschter Chemielehrer hat die fachlichen Fähigkeiten, aber man würde nicht die Persönlichkeit eines Drogenbarons erwarten.

    Achte darauf, dass die Hauptfigur anfangs nicht gut geeignet ist, den Höhepunkt zu meistern.

    Opfer und Entscheidungen

    Es ist leicht, zu kämpfen, wenn man nichts verlieren kann. Vor oder während des Höhepunkts erkennt die Hauptfigur, was ihr eigentlich wichtig ist. Damit das spürbar wird, muss sie Opfer bringen.

    Unser Bräutigam opfert seinen Stand. Er muss sich entscheiden zwischen dem Leben, auf das er von Kindheit her vorbereitet wurde: Wohlstand, Sicherheit und Pflicht. Oder aber er schießt alles in den Wind und wählt die Liebe.

    • Cast Away: Der Held opfert zum Beispiel seinen fiktiven Freund Wilson, um zu überleben.
    • The Hunger Games: Man könnte eine lange Liste machen, was die Heldin alles opfert. Unter anderem den leichten Sieg im Kampf dafür, menschlich zu bleiben.
    • Breaking Bad: Der Protagonist opfert seine Familie, um Macht zu erhalten.

    Opfer haben mehr Gewicht, wenn die Hauptfigur sie bewusst wählt.

    Die wahre Liebe des Bräutigams wird nicht einfach enthüllt. Er muss nach dem Mikrofon greifen und sprechen.

    Spannungskurve

    Du hast jetzt alles, was deine Geschichte im Kern ausmacht und ein Ziel.

    Schreibe Schritt für Schritt, wie es zum zentralen Höhepunkt kommt. Jede Stufe ist schlimmer als die vorherige und gipfelt im zentralen Höhepunkt, sonst ist man am Ende enttäuscht. Zwischendurch gibt es Hoffnung, nur, um sie wieder zu vernichten.

    Zum Beispiel versucht der Bräutigam, seinem Vater zu widersprechen, was ihm nur Probleme einbrockt. Die Angebetete zeigt ihm, was Zuneigung eigentlich bedeutet, und gibt ihm Kraft.

    Lass deine Hauptfigur scheitern und daran wachsen.

    Und der ganze Rest?

    Egal, wie viel Erzähltheorie du gelernt hast oder auch nicht: der Fokus auf den zentralen Höhepunkt hilft, die richtigen Prioritäten zu setzen. Du leitest davon ein solides Grundgerüst für Spannung und Drama ab.

    Was den ganzen Rest anbelangt, rate ich dir vorerst, dich auf deine Intuition zu verlassen. Ganz bestimmt bist du gut darin. Fass den zentralen Höhepunkt als Reiseziel ins Auge, benutze dein Feingefühl und tob dich kreativ aus.

  • Themen strukturieren: Über Geiz und grüne Schuhe

    Themen strukturieren: Über Geiz und grüne Schuhe

    Ich erzähle dir eine kleine Geschichte.

    Es geht um meinen Nachbarn. Der ist so total geizig, das glaubst du überhaupt nicht.

    Du: Das klingt nach einer lustigen Geschichte. Erzähl schon!

    Ich: Also gestern habe ich ihn mit seinen neuen, grünen Schuhen gesehen.

    Du: Die hat er bestimmt zum halben Preis gekriegt.

    Ich: Das weiß ich jetzt nicht so genau. Jedenfalls sind es tolle Schuhe. Kürzlich habe ich sie im Laden gesehen und wollte sie auch kaufen.

    Du: Aber was hat das mit dem Geiz zu tun?

    Ich: Nichts. Hab ich ja nie behauptet. Er setzt sich also mit seinen neuen Schuhen in den Wagen und braust los. Da fährt der Kerl mich doch beinahe über den Haufen.

    Du: Hat etwas mit den Schuhen nicht gestimmt?

    Ich: Wie kommst du darauf? Jedenfalls kurbelt er das Fenster runter. Und was glaubst du, sagt er zu mir?

    Du: Ähm, ich wills eigentlich gar nicht wissen.

    Ich: Oh, wie schade. Es wäre gerade richtig spannend geworden. Magst du meine Geschichte nicht?

    Du: Nicht wirklich. Worum geht es eigentlich?

    Ich: Das habe ich doch gesagt. Es geht um meinen Nachbarn.

    Lass es uns einzeln durchgehen.

    Der Anfang

    Am Anfang habe ich dir gesagt, worum es geht: Meinen geizigen Nachbarn. Du hast sofort eine Erwartung: Das wird eine lustige Geschichte über einen geizigen Menschen.

    Am Anfang werden Erwartungen gepflanzt.

    Im ersten Satz, der ersten Seite, dem ersten Kapitel eines Romans. Wenn daraus etwas anderes wächst, wirst du einige Zeit brauchen, um deine Erwartungen zu korrigieren. Vielleicht liest du drei oder vier Kapitel, rümpfst die ganze Zeit deine Nase und kannst dich überhaupt nicht richtig auf die Ereignisse einlassen.

    Abschweifungen

    In einem Roman ist eine Menge Platz, um alle möglichen Gedanken einzuflechten. Zum Beispiel, dass ich mir diese Schuhe auch kaufen wollte. Das passt doch gerade so gut. Dich aber interessiert es überhaupt nicht: Du wolltest die Geschichte über den geizigen Nachbarn hören.

    Jeder Satz gehört zur Geschichte
    oder gestrichen.

    Was nicht zur Geschichte gehört, verschwendet deine Aufmerksamkeit und raubt der Handlung Energie.

    Ein Themenbaum

    Du fragst, worum es in der Geschichte geht. Ich bin ein bisschen beleidigt. Schließlich habe ich es klar gesagt: um meinen Nachbarn.

    Nur reicht das eben nicht. Der Nachbar ist zu offen, ein Aufhänger, aber kein Thema. Ich muss mich entscheiden, was ich über den Nachbarn erzählen will und dann immer dabei bleiben.

    Zum Beispiel schreibe ich über Geiz. Alle Ereignisse haben damit zu tun, dass der Nachbar, meine Hauptfigur, geizig ist. Vielleicht versteht man ihn am Ende oder er scheitert daran. Eine Nebenfigur ist besonders großzügig oder prahlt mit Reichtum, um ihn zu kontrastieren.

    Oder ich schreibe über Schuhe. Ich, der Erzähler, beurteile Leute an ihren Schuhen, darum ist mir der Nachbar gleich aufgefallen. Ich habe eine schuhbezogene Kindheitserinnerung und die Schließung der Schuhfabrik halte ich für eine Metapher dafür, dass die Stadt ihre Persönlichkeit verliert.

    Ich kann von Geiz und Schuhen erzählen. Das einzige, wofür der geizige Nachbar nämlich Geld ausgibt, sind seine Schuhe. Und das hat natürlich einen bestimmten Grund, der sich zu erzählen lohnt.

    Themen sind wie die Äste an einem Baum.

    Sie müssen aus einem Stamm wachsen, dem Hauptthema, das wiederum mit dem Hauptkonflikt und der Hauptfigur verbunden ist.

    Darum funktioniert die Geschichte über meinen Nachbarn nicht: Ich habe nur ein paar abgesägte Äste herumliegen.

  • Unwort ‚Direkt‘

    Unwort ‚Direkt‘

    Mein größtes Problem mit dem meist überflüssigen direkt: Es wird so oft missbraucht. Da man mir ja nichts glauben muss, verweise ich auf den Duden:

    Direkt bedeutet: ohne Umweg, ohne etwas dazwischen.

    Direkt gegenüber, auf direktem Weg, Direktsaft. Aber nicht: gewissermaßen, eigentlich, geradezu, sofort oder etwas in dieser Art.

    Beispiele von missbräuchlichem direkt:

    Sie streckte die Hand aus und zog sie direkt wieder zurück.

    Das heißt, dass die Person ihre Hand nicht über einen Umweg zurückzieht, also z.B. keine Windmühlenbewegung mit dem Arm macht. Das ist aber nicht gemeint. Gemeint ist: sofort oder gleich.

    Auf eine weitere Enttäuschung konnte er direkt verzichten.

    Hier kann direkt direkt gestrichen werden. (Nur um sicherzustellen, dass ich nicht falsch verstanden werde: das war ein weiteres missbräuchliches direkt.)

    Es sah direkt furchteinflößend aus.

    Allerdings. Es sollte nämlich heißen: Es sah geradezu furchteinflößend aus.

    Sie sah ihm direkt in die Augen.

    Das ist eine völlig korrekte Anwendung von direkt, schließlich schaut man äußerst selten indirekt irgendwohin. Das könnte man tun: Zum Beispiel durch einen Spiegel. Sie könnte die Kamera ihres Handys auf ihn richten, direkt aufs Display schauen und indirekt in seine Augen. Nichts davon ist zu erwarten, darum ist direkt völlig überflüssig.

    Sie sah ihm in die Augen.

    Wamm! Klingt doch viel direkter, nicht wahr?

  • Ein intensives Gefühl in der Brust

    Ein intensives Gefühl in der Brust

    Ich konstruierte ein Beispiel, wie es in einem Manuskript stehen könnte:

    Er schaute mich direkt an und ein intensives Gefühl breitete sich in meiner Brust aus.

    Klingt das gut oder schrecklich? Schon sowas Ähnliches gelesen – oder geschrieben? Lasst es uns zerlegen.

    Intensiv

    Es gibt Manuskripte, bei denen ist alles sehr intensiv. Leute schauen sich intensiv an, die Schmerzen sind sehr intensiv und noch nie wurde so intensiv gestritten. Intensiv ist doppelplus stark. Es heißt nicht viel. Ein erfolgloser Versuch, Gewicht in den Text zu legen.

    Ein Beispiel:

    Noch nie hat sie so intensiv gefühlt.

    Fragt sich hier: was genau fühlt sie eigentlich? Glück? Wärme? Geborgenheit? Ist das etwa nicht intensiv genug? Dann empfehle ich eine schöne Metapher. Gerade nämlich schwebt sie einen halben Meter über dem Boden, die Sonne selbst geht in ihrem Herzen auf und ihre Seele tanzt einen Walzer. Etwas, das zum Ton und Thema des Romans und in die Szene passt und möglichst ein konkretes Gefühl auslöst.

    Er sah ihr intensiv in die Augen.

    In vielen romantischen Texten ist die Hauptaufgabe der Männer, abwechselnd intensiv zu schauen und zu grinsen. Ich habe nichts dagegen, dass der Love-Interest nur Projektionsfläche ist, eine leere Hülle ohne Persönlichkeit. Männer wie Frauen müssen dafür herhalten. Trotzdem muss das ja nicht so himmelschreiend sein.

    Wirkungsvoller wäre ein bestimmter Gesichtsausdruck. (Bitte nicht: er hob die Augenbrauen.) Könnten die Männer vielleicht einen nützlichen Satz sprechen? Ich weiß, das tun sie auch in der realen Welt nur selten, aber für den intensiven Augenblick in einem fiktiven Roman wäre das durchaus eine akzeptable Option.

    Direkt anschauen

    Direkt ist für mich ein Reizwort geworden. Wenn ich direkt schon sehe, verspüre ich direkt das Gefühl, es direkt zu streichen. Darum habe ich darüber einen eigenen Post geschrieben: Direkt.

    Gefühle, die sich in der Brust ausbreiten

    Über Gefühle zu schreiben ist schwer. Die gefühlsgeladenen Stellen sind oft Höhepunkte, wo Konflikte eskalieren oder gelöst werden. Es sind sensible Momente, die keine handwerklichen Schwächen erlauben.

    Der Klassiker unter den Gefühlsbeschreibungen:

    Ein freudiges/beklemmendes/wie-auch-immer-geartetes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus.

    Erstens: Warum sind Gefühle immer in der Brust? Die Absicht, Emotionen körperlich spürbar zu machen, ist ja lobenswert. Aber allzu oft muss die Brust dafür herhalten. Alternativ gibt es noch den Bauch, der ein bisschen besser funktioniert, aber meistens auch nicht überzeugt.

    Zweitens: Gefühle breiten sich immer aus. Meistens in der Brust, manchmal in der ganzen Figur. Sehr oft lese ich auch durchströmen oder durchfluten.

    Panik durchflutete ihn.

    Das sind abgegriffene Formulierungen, die bei mir kaum noch Emotionen wecken.

    Wie anders?

    Wie schreibt man denn sonst wirkungsvoll über Gefühle? Leider gibt es dafür kein Rezept – es sind ja gerade die Rezepte, an denen die Gefühle scheitern.

    Gefühle werden nicht durch bestimmte Wörter oder Stilmittel spürbar, sondern dadurch, dass Figuren seelisch verletzt werden oder heilen. Dies ergibt sich aus der Geschichte.

    Vertraue auf deine Handlung.
    Versetz dich in deine Figuren.
    Versuche nichts zu forcieren.

    Hier noch ein kleines Beispiel einer körperlichen Reaktion.

    Variante 1: Zorn stieg in seiner Brust hoch und er explodierte.

    Variante 2: Hitze stieg ihm ins Gesicht. Dann explodierte er.

    Warum ist der Zorn in der Brust, aber die Hitze im Gesicht? Der Zorn in der Brust ist dahingesagt, die Hitze im Gesicht spürbar und realistisch.

  • Verräter

    Verräter

    Ich starte meinen Schreibblog mit einer kleinen Geschichte über Liebe und Verrat.

    Ich schrieb ein paar Kapitel eines tollen Romans. Diese Kapitel waren hammermäßig. Richtig gut. Bunt und strahlend, humorvoll und tiefsinnig. Ich liebte meinen Text und war mir sicher, dass ich den Verlagsvertrag schon in der Tasche hatte. Während ich also die restlichen Kapitel schrieb, verging Zeit und neue Texte verdrängten in meinem Gehirn die alten. Nach einem halben Jahr war ich durch und kramte meinen Romananfang wieder hervor.

    Ich war ein wenig schockiert.

    Das hatte ich ganz anders in Erinnerung. Das Strahlen war überhaupt gar nicht zu erkennen, der Humor geradezu lächerlich, meine imposanten Bilder glichen Kinderzeichnungen.

    Der größte Feind beim Schreiben ist die Selbstüberschätzung. Sie kommt daher, dass man glaubt, die schönen Dinge im Kopf hätten es irgendwie magisch aufs Papier geschafft. Wenn du mit Schreiben erst angefangen hast, kann ich dir versichern, dass es nicht der Fall ist. Das Schlimmste aber: Du siehst es nicht. Denn:

    Deine Texte sind üble Verräter.

    Sie blenden dir vor, etwas zu sein, das sie nicht sind. Und zwar nur dir allein. Alle anderen Menschen auf dem Planeten – außer vielleicht deine besten Freunde – sehen sie klar und deutlich mit all ihren hässlichen Eigenschaften. Aber vor dir tragen sie eine Maske und führen einen beeindruckenden Tanz auf.

    Vermutlich hast du diese Erfahrung längst hinter dir. Falls nicht: glaub mir, es liegt nicht daran, dass du so gut schreibst. Sondern daran, dass deine Texte wirklich gut darin sind.

    Leider hat man nicht immer ein halbes Jahr Zeit, um den Text ruhen zu lassen. Für mich gibt es keinen anderen Weg, als scharfsinnige Leute mit dem Testlesen und Lektorieren meiner literarischen Ergüsse zu behelligen.

    Aber ich bin fest entschlossen, dem Verräter die Maske herunterzureißen. Ich werde mich an die Arbeit machen, bis ich ihm ins Gesicht schauen kann, ohne mich schämen zu müssen. Dann erst werde ich ihn wieder ein bisschen liebhaben.